Touristisches Niemandsland: Strand auf der Frischen Nehrung (Foto: Plath/.rufo)
Freitag, 08.02.2008
Kaliningrad: Nehrungs-Grundstücke unter dem Hammer
Kaliningrad. Der Ausverkauf der Kaliningrader Küste geht weiter. Nun ist die Frische Nehrung an der Reihe. Jahrzehntelang war der Küstenstreifen militärisches Sperrgebiet. Nun werden Moskauer Bauherren das Land erobern.
Nach den Luxusdatschen und touristischen Blütenträumen auf der Kurischen Nehrung, den Plänen für eine Sommerresidenz der russischen Regierung in Pionerskij (Neukuhren) und dem so gigantischen wie umstrittenen "Las Vegas" Projekt bei Jantarnyj (Palmnicken) ist jetzt auch die Frische Nehrung dran.
Nehrung: Urlaubsgebiet in Polen, Niemandsland in Russland
Die schmale, 63 Kilometer lange Landzunge, in sanftem Bogen von Baltijsk (Pillau) südwestlich bis in die Gegend der Weichselmündung verlaufend, ist auf russischer Seite touristisches Niemandsland. Drüben, in Polen, wo sie die Nehrung Mierzeja Wislana nennen, pulsiert im Sommer das Strandleben, Fischerdörfer wie Krynica Morska haben sich in schmucken Feriensiedlungen voller Pensionen und kleiner Hotels verwandelt.
Auf den zum Kaliningrader Gebiet gehörenden 27 Kilometern herrscht Stille. Jahrzehntelang war die "Baltijskaja Kosa", die Baltische Nehrung, Teil der Flottenstadt Baltijsk und Militärsperrgebiet, tabu für Touristen. Stattdessen wuchs hier in der Abgeschiedenheit ein einzigartiger Streifen Küstennatur: Kiefernwälder und Dünenketten zwischen Meer und Haff, gesäumt von breiten Stränden und nur unterbrochen von den Plattenwegen der Militärpatrouillen und Grenzposten.
Proteste gegen Privatisierung
Nun kam, was kommen musste. In mehreren Etappen sollen auf der Frischen Nehrung Grundstücke für den Bau oder Ausbau von Häusern privatisiert werden. Die Stadtverwaltung Baltijsk, die hinter diesen Plänen steht, betont, dass es dabei lediglich um das Areal der Siedlung Kosa geht - dem ehemaligen, heute stark verfallenen Dorf Neutief direkt an der 400 Meter breiten Meerenge zwischen Nehrung und Stadt. Keineswegs sollen Grundstücke im Naturschutzgebiet unter den Hammer kommen - und Naturschutzgebiet ist hier fast alles.
Doch das hemmungslose illegale Bauen auf der Kurischen Nehrung, der „großen Schwester“ des Küstenstreifens, zeigt, was von offiziellen Planungen zu halten ist. Kaum wurden die Privatisierungspläne bekannt, hagelte es daher öffentliche Proteste. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass zur ersten Grundstücksauktion Anfang Dezember bewaffnete Milizposten vor der Baltijsker Stadtverwaltung aufzogen. Man befürchtete Zwischenfälle. Bauland an der russischen Bernsteinküste ist rar - und umkämpft.
Unberechenbare Militär-Altlasten
Unter den Hammer kamen die ersten Parzellen trotz aller Proteste. Einem Bericht des Königsberger Express zufolge ging ein Baugrundstück für eine Million Rubel (ca. 30.000 Euro) an einen Kaliningrader Geschäftsmann.
Doch den größten Happen ersteigerte sich Isaak Usenberg, Präsident des Moskauer Finanzkonsortiums Almas. Für angeblich 34,6 Millionen Rubel, knapp eine Million Euro, kaufte er mehrere völlig verfallene, unbewohnte Häuser in bester Lage - direkt an der Hauptstraße der Nehrung und nah am Strand.
Sie sollen jetzt saniert und zu komfortablen Hotel-Ensemble umgebaut werden. Er habe die Immobilien nicht für sich selbst, sondern „für die Bewohner und Gäste von Baltijsk“ erworben, betonte Usenberg in einem Gespräch mit der Komsomolskaja Prawda. „Die Leute sollen hier eine schöne Zeit verbringen und die Küste bewundern. Alle werden sehen, wie schön und gepflegt es auf der Nehrung sein kann.“
Altlast: Militärhangar auf der Frischen Nehrung (Foto: Plath/.rufo)
Davon ist die einzige Siedlung auf dem russischen Teil der Landzunge derzeit weit entfernt. Die Frische Nehrung untersteht bis heute zu großen Teilen der Verwaltung der Baltischen Flotte. Militärisch genutzt werden die gewaltigen, noch aus deutscher Zeit stammenden Flugboot-Hangars, die Kasernen und der ehemalige Flugplatz seit Jahren nicht mehr. Zurück blieb ein ruinöser, gespenstisch verwahrloster Komplex voller Armeegerümpel und Müll. Was unter der Erde an Hinterlassenschaften schlummert, weiß kein Mensch.
Begehrtes Investitionsobjekt
Trotz dieser unberechenbaren Altlasten gibt es seit Jahren Interesse an einem touristischen Ausbau dieses vergessenen Stücks Ostseeküste. Der alte Flugboothafen eignete sich hervorrragend für den Ausbau in einer geschützten modernen Sportbootmarina.
Viel Platz für Boote: Alter Militärhafen am Haff (Foto: Plath/.rufo)
Deutsche Investoren bekundeten daran schon in den 1990er Jahren Interesse - doch das Militär wies die Unternehmer ruppig ab: Westliche Segelyachten in Nachbarschaft ihrer Kampfschiffe, so eine Vorstellung lag außerhalb des Horizonts eines russischen Admirals.
Invasoren aus Moskau entdeckten Kaliningrad
Dann entdeckten die eigenen Landsleute den Küstenstreifen. 2002 wollte eine Moskauer Unternehmensgruppe dort ein riesiges Areal aus mehreren großen Hotels, Spa-Komplex, einer Meeresschwimmhalle, Fitness-Center und Konzerthalle aufziehen, ganz in Hauptstadtmanier: nicht kleckern, sondern protzen. Ein Grundstück bekamen sie umgehend, auch ohne Auktion. Der Baltijsker Bürgermeister schanzte ihnen fünf Hektar zu.
Auch ein rechtlicher Rahmen für die Aktion war umgehend gezimmert: Gouverneur Wladimir Jegorow, vor seinem Amtsantritt Admiral der Baltischen Flotte und quasi früherer Hausherr der Nehrung, unterzeichnete ein regionales Programm namens „Entwicklung und Erhaltung des Naturobjektes Kaliningrader Nehrung bis 2010". Das Dokument lebte nicht lange. Es wurde von der neuen Regionalregierung als gesetzwidrig befunden und einkassiert.
Seither hat sich der Druck auf Immobilien an der Kaliningrader Küste vervielfacht, Grundstückpreise klettern von Rekord zu Rekord und wecken immer neue Begehrlichkeiten. Die Stadt Baltijsk, die die Einnahmen aus der ersten Privatisierungsrunde in die Modernisierung ihrer Infrastruktur investieren will, plant bereits eine weitere Auktion. Zum ersten, zum zweiten, zum dritten: eine Küste unter den Hammer.
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Der sibirische Frost hat auch Kaliningrad fest im Griff: Der Meteorologische Dienst sagt für das Wochenende Temperaturen von bis zu -30 Grad voraus. Im Ostseebad Selenogradsk ist man dann bereits nah am historischen Kälterekord: Am 25. Januar 1942 waren hier minus 33,1 Grad gemessen worden. ( Topfoto: Plath/.rufo)