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Die alten Beton-Wellenbrecher aus Sowjet-Tagen sind der Brandung an der Ostseeküste längst nicht mehr gewachsen. (Foto: Plath/.rufo)
Die alten Beton-Wellenbrecher aus Sowjet-Tagen sind der Brandung an der Ostseeküste längst nicht mehr gewachsen. (Foto: Plath/.rufo)
Donnerstag, 24.01.2008

Kaliningrad: Millionenprogramm für Küstenschutz

Kaliningrad. Bei Swetlogorsk, dem einstigen Seebad Rauschen, ist im großen Maßstab mit Küstenschutzarbeiten begonnen worden. 30.000 Tonnen Granit sollen die Küste vor Brandungsschäden bewahren.

Die Einsicht kommt spät. Jahrelang haben Kaliningrader und Moskauer Behörden das Thema Küstenschutz sträflich vernachlässigt, die Dramatik von Erosion und Strandabtrag unterschätzt: Der regionale Küstenschutzdienst „BaltBeregoSaschtschita“ (BBS) wirtschaftete jahrelang mit einem finanziellen Etat vor sich hin, der nicht einmal zur Beseitigung dringendster Schäden an Dünen und Kliffs reichte.

Während die Meteorologen vor einer statistisch nachweisbar zunehmenden Stärke der Orkane und schweren Stürme im Baltikum warnten, bastelten die BBS-Leute Wellenbrecher aus alten Autoreifen – für viel mehr reichte das Geld nicht.

Kranker im Kosmetiksalon


„Das ist, als ob man einen Kranken, der dringend zum Arzt muss, in den Kosmetiksalon schickt“, schimpfte ein Mitarbeiter der Küstenbaubrigade, als wieder einmal ein Wintersturm auf der Kurischen Nehrung die Vordüne auf mehreren Kilometern zur Hälfte weggerissen hatte und man den Schaden notdürftig mit Bündeln aus Kiefernstämmchen reparierte, so genannte Faschinen.

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Auch westlich der Nehrung, an der samländischen „Bernsteinküste“ zwischen den Kurorten Selenogradsk (Cranz) und Swetlogorsk, waren die Folgen des jahrzehntelang eingesparten Uferschutzes längst nicht mehr zu übersehen. Gewaltige Abbrüche aus der Steilküste beidseits von Kap Taran (Brüsterort) und Strand-Abspülungen in Cranz, die bis an die Pfeiler der Betonpromenade feststellbar waren, ließen schließlich auch in der Kaliningrader Gebietsadministration die Alarmglocken schrillen. Ein umfassendes Konzept zur Rettung der Kaliningrader Bernsteinküste nimmt seither Konturen an.

Steinwall gegen Wasserkraft


In Swetlogorsk geht es nun los. Und dort will man gleich mal klotzen statt kleckern. Der Strand – besser was von ihm noch übrig ist – wurde in eine Großbaustelle verwandelt: Schwere Radlader schleppen mit brüllenden Motoren Sand und Granitbrocken heran, Arbeiter verbinden Bewehrungsgeflecht aus Stahldraht über die Steinpackungen, die terassenförmig in Richtung Steilküste ansteigen. Akkurat sieht das aus und sehr wehrhaft.

„Wir bauen das aber nicht für den schönen Anblick“, sagt Wachit Dschanijew, Chef der Kaliningrader Küstenschutztrupps von BBS. Die Technik habe sich in stürmischen Küstenregionen bewährt und die Böschungswinkel der Steinwälle genau an die kurze und steile Brandung der Ostsee angepasst, um den bestmöglichen Schutz zu gewähleisten.

Die ganze Konstruktion werde im Lauf der Zeit noch etwa einen Meter in den Sand einsinken und dann praktisch unzerstörbar festliegen. „Die Anordnung in kompakten Packungen aus relativ kleinen Granitsteinen bremst die Kraft der Wellen weicher als eine Betonmauer.“

Retter der Bernsteinküste


Dschanijew ist dieser Tage ein gefragter Mann. Immer aufs Neue muss er Lokaljournalisten und Teams von regionalen Fernsehstationen erklären, was sich da so aufregendes tut am Strand von Swetlogorsk. Und immer, wenn er wieder einer auf Hackenschuhen unbeholfen durch den aufgewühlten Sand stolpernden Reporterin Zahlen in den Block diktiert und für die Fotografen einen skandinavischen Granitbrocken in Kamerahöhe hält, sieht er ein bisschen aus wie der Retter der Bernsteinküste. Der Sachen sagt wie: „Mit diesen Arbeiten sollte schon in den 80er Jahren begonnen werde. Aber dann kam die ökonomische Krise, schließlich stürzte die Sowjetunion zusammen und uns spülte der Strand weg.“

Ob die massive Granit-Terrasse denn den starken Querströmungen entlang der Küste standhält? Wachit Dschanijew hat da keinen Zweifel. „Wir wenden hier ein ganz neues Drainagesystem an, das das Unterspülen der Steinwälle verhindern hilft. Dafür, dass die Konstruktion nicht einstürzt, verbürge ich mich.“

Dass man vielleicht auch einfach wieder hölzerne Buhnenreihen ins Meer treiben könnte, wie sie noch heute in vielen Seebädern und vor dem Krieg auch an diesem Abschnitt der Ostsee erfolgreich den Sandabtrag verhindern und Wellenschlag bremsen, so etwas sagt Küstenschützer Dschaniejew nicht. „BaltBeregoSaschtschita“ hat Größeres im Sinn.

Klotzen statt kleckern: 30.000 Tonnen Granit



Rund 110 Millionen Rubel aus dem föderalen Haushalt – umgerechnet mehr als drei Millionen Euro – gibt die regionale Küstenschutzfirma derzeit nach eigenen Angaben aus, um einen etwa 1,4 Kilometer langen Strandabschnitt beidseits der Strandpromenade von Swetlogorsk mit den drahtverpackten Steinwällen zu sichern.

Fast 30.000 Tonnen Granit werden dazu verbaut. Die Steine hat man aus Schweden herangeschafft. Schwedischer Granit – darunter macht man es hier nicht. Das Material sei schlichtweg billiger gewesen als aus russischen Steinbrüchen, sagt Dschaniejew. „Am wichtigsten ist am Ende natürlich die Qualität. Und Granit ist praktisch unberenzt haltbar.“

Ganz anders als der Universalbaustoff des Küstenschutzes zur Zeit des real nicht mehr existierenden Sozialismus: Beton. Was Salzluft und Wasserkraft von den kantigen sowjetischen Wellenbrechern übriggelassen haben, kann man bei Selenogradsk, Pionerskij (Neukuhren) und auch Swetlogorsk sehen: bröckelnde, rostende Trümmer. Die Küstenerosion haben diese hilflosen Versuche nicht verhindert.

Mehr als 70 Hektar hat die 120 Kilometer lange Kaliningrader Küste allein in den letzten Jahren verloren. Ungehindert schleppten die Wind- und Ringströmungen der Ostsee den Sand in Richtung Nordosten, bis an die Spitze der Kurischen Nehrung, wo das Fahrwasser des litauischen Hafens Klaipeda immer wieder ausgebaggert werden muss, weil die Ränder versanden – hier hat man das umgekehrte Problem.

Zurück zu den Buhnen?


Doch über das altbewährte Mittel, Buhnen, rümpfen die russischen Experten nur die Nase. Ein völlig veraltetes System, viel zu teuer in der Unterhaltung, weil nach wenigen Jahrzehnten ersatzbedürftig.

Das mag sein. Doch hielten die simplen Pfahlreihen den Sand wirksam zurück, wie man am Beispiel Cranz gut sehen kann: Das einst mondäne Seebad war berühmt für seinen bis zu hundert Meter breiten Strand – obwohl dort die stärkste Brandung der Ostsee anrollt. Heute sind die Buhnen weg. Der Strand auch. Die Wellen schlagen donnernd an die monströse, mittlerweile zu Teilen einsturzgefährdete Promenade.

Damit nicht genug: Am Stadtrand des Kurorts ließen Moskauer Investoren, die ebenso wie ihre Architekten von der Kraft der Ostseebrandung sichtlich keine Ahnung haben, ein luxuriöses Appartmenthaus direkt an Hang der Steilküste bauen. Der Ausblick aufs Meer: traumhaft. Es droht ein Traum auf Zeit zu bleiben. Geht es mit der Küstenerosion so weiter, rutscht der schicke Komplex in 20 Jahren ins Wasser.

Darum wundert es Insider auch gar nicht, dass die mit Millionenaufwand betrieben Küstenschutzarbeiten nun ausgerechnet im einstigen Rauschen beginnen. Hier, im noblen „Sotschi des Nordens“, bauen sich immer mehr reiche Russen aus der Hauptstadt ihre Sommervillen.

Und von ihrem baltischen Strandparadies wollen sie sicherlich noch eine Weile etwas haben.


(Thoralf Plath/.rufo)

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