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Kaliningrad schmeckt gut - zumindest die Marzipan-Variante (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad schmeckt gut - zumindest die Marzipan-Variante (Foto: Plath/.rufo)
Freitag, 14.12.2012

Kaliningrad: Marzipankunst nach altem Rezept

Kaliningrad. Marzipan, made in Kaliningrad: Eine 20-Jährige verhilft der berühmten Königsberger Süßigkeit in der heute russischen Stadt zu einer unverhofften Renaissance.

Eigentlich hatte Alexandra Toropowa immer Informatik studieren wollen, sie fing auch noch damit an im vorigen Jahr, doch nun wird wohl alles ganz anders kommen. Nicht mehr Bits und Gigabytes prägen mittlerweile das Leben der 20-Jährigen Kaliningraderin, sondern Puderzucker und blanchierte Mandeln. Es sind die klassischen Rohstoffe für Marzipan, das die junge Frau in ihrer Heimatstadt herstellt: Marzipan, nach einem alten Königsberger Rezept.

Noch backt die junge Frau das Naschwerk zu Hause in der Küche, kleine dreieckige Marzipanbrötchen, gelbbraun geflämmt, handtellergroße Medaillons mit chinesischen Drachenmotiven, Sternzeichen, jedes Stück ein Unikat, handgefertigt. Höchstens ein paar Kilo schafft sie pro Woche, mehr ist mit dem Haushaltsherd nicht drin. Doch das Geschäft kommt in Fahrt.

Anfragen sogar schon aus Murmansk


Seit sie ihre mandelsüßen Kreationen in zwei Ausstellungen auf der Dominsel und im Kunsthistorischen Museum gezeigt hat, wächst die Nachfrage rapide. Immer mehr Leute melden sich, per Telefon, per E-Mail, nicht nur Kaliningrader, Alexandra bekam schon Bestellungen aus St. Petersburg und Murmansk.

Alexandra Toropowa präsentiert eins ihrer Marzipan-Kunstwerke (Foto: Plath/.rufo)
Alexandra Toropowa präsentiert eins ihrer Marzipan-Kunstwerke (Foto: Plath/.rufo)
Gerade erst habe sie eine Hochzeitstafel mit ihrer Marzipankunst ausstatten dürfen, erzählt sie und lacht verschmitzt unter ihrer Lockenmähne vor, die braunen Augen funkeln. Eine große liegende Acht habe sie gestaltet, zweieinhalb Meter lang: „Es ist das Symbol für die Unendlichkeit. Das mag ich am liebsten.“ Inzwischen träumt Alexandra von einer eigenen kleinen Manufaktur. Mit angeschlossenem Marzipanmuseum. „Das gibt’s in Tallinn, in Lübeck, in Ungarn, überall, wo Marzipan eine Geschichte hat. Warum also nicht auch in Kaliningrad?“

Die alten Königsberger schwärmen bis heute von den Marzipancafés


Königsberger Marzipan, das war vor dem Krieg etwas ganz Edles, weit über die Provinz hinaus begehrt und bekannt wie sonst nur die berühmten Klopse. Noch heute schwärmen die alten Ostpreußen von den vornehmen Konditoreien in der Französischen Straße, vor allem vom „Café Schwermer“ am Königsberger Schlossteich mit seinen Terrassen und über tausend Sitzplätzen, wo es die feinsten Marzipanpralinen und Teekonfekt gab, nicht so süß wie etwa das Lübecker und mit dem zarten Aroma gerösteter Mandeln. Geschichte, das alles.

Das berühmte Café, 1894 von Confiseur Henry Schwermer gegründet, lag nach dem Ende des Krieges in Schutt und Asche wie fast das ganze Königsberg, aus den Trümmern wuchs die sowjetische Betonstadt Kaliningrad, deren Machthaber jeden Gedanken an deutsche Vorgeschichte zum Tabu erklärten. Königsberger Marzipan gab und gibt es immer noch. Doch es wird bis heute in Deutschland hergestellt, von zwei Firmen, die die alten Rezepturen retteten.

Auf den Spuren süßer Geschichte


Nun kommt es erstmals auch wieder aus der Stadt am Pregel. „Marzipan passt gut nach Kaliningrad“, findet Alexandra Toporowa. „Schlimm, dass solche schönen Traditionen hier so viele Jahre vergessen und unterdrückt worden sind.“

Angefangen hat alles, als sie 16 war. Für eine Hausarbeit in der Schule suchte sie ein Thema aus der Stadtgeschichte, „Kenig“ ist Kult unter Kaliningrader Jugendlichen. Dabei las sie von der alten Marzipantradition, staunte, dass schon auf der Hochzeit von Ostpreußen-Herzog Albrecht 1566 Marzipan gereicht worden sei, von einem Apotheker, als verdauungsfördernde Arznei. Sie schrieb das alles auf und begann, im Internet Rezepte zu sammeln, die Leidenschaft war erwacht.

Aller Anfang ist schwer


Erste Backversuche misslangen, doch dann fand die Schülerin im Friedländer Tor, heute ein Museum der Stadtgeschichte, in einer hundert Jahre alten Ausgabe der „Königsberger Allgemeinen“ einen Artikel über das Marzipan. Dort, erzählt sie, „war das Rezept mit allen Einzelheiten beschrieben.“

Vor allem das Flämmen – jene Prozedur, durch die das klassische Königsberger Marzipan an der Oberfläche karamellisiert und seine charakteristische ockerbraune Färbung erhält. Es war der Durchbruch. Bald waren die ersten Marzipanstränge gebacken, „das war eine Freude, als hätten wir einen Schatz entdeckt“, erinnert sich Alexandras Mutter Elena.

Fische, Nixen, Fabelwesen


Ihre Eltern hat „Miss Marzipan“ längst mit eingespannt in die Produktion, aus dem Hobby ist ein kleines Familienunternehmen gewachsen.

Vater Pjotr ist inzwischen voll ins Familiengeschäft eingestiegen (Foto: Plath/.rufo)
Vater Pjotr ist inzwischen voll ins Familiengeschäft eingestiegen (Foto: Plath/.rufo)
Ihr Vater Pjotr Toropow, in Kaliningrad als Künstler und Keramiker bekannt, entwirft immer neue Motive. Fischchen, Nixen, schlangenköpfige Fabelwesen, lauter kleine Kunstwerke, manches ein bisschen kitschig, doch Toropow scheint kaum zu bremsen.

Sogar eine alte Serie von Medaillons mit Königsberg-Sujets hat er neu aufgelegt – nun aus Zucker und gemahlenen Mandeln. „Aus gebranntem Ton wollte die niemand. Jetzt, wo man sie essen kann, da verkaufen sie sich bestens“, sagt er und lacht. Pjotr Toropow ist stolz auf die Idee seiner Tochter. „Erst dachten wir, unsere Saschka, die ist verrückt, Marzipan, das wird doch nichts.“ Inzwischen dreht sich in seinem Atelier neben der Luisenkirche fast alles um die Süßigkeit.

Nach Klopsen und Käse nun Marzipan

So schlägt das russische Kaliningrad, längst wie selbstverständlich, eine Königsberg-Brücke nach der anderen, zurück in die Zukunft, könnte man meinen. Vieles mag Folklore sein, aber auch die Suche nach einer eigenen, regionalen Identität. Das kann man sogar schmecken: Das Restaurant Sonnenstein, das im Rossgärter Tor am Bernsteinmuseum residiert, bietet auf der Speisekarte zwischen Soljanka und Pelmeni auch „Kenigsbergskije Klopsy“.

Aus der örtlichen Brauerei kommt ein Pils namens „Königsberg“. Und in der Stadt Sowjetsk, dem alten Tilsit, baut ein schweizerisch-russisches Unternehmen gerade eine Molkerei, die bald den alten, echten Tilsiter Käse am Ursprungsort produzieren und exportieren soll – nicht nach Deutschland, sondern auf den riesigen innerrussischen Markt.

Marzipan wieder im Handel


Auch Marzipan ist in Kaliningrad wieder zu haben. Mehrere Cafés führen die „original Königsberger“ Süßigkeit, die Firma Schwermer, heute in bayerischen Bad Wörishofen ansässig, exportiert ihre Spezialitäten aus Deutschland in das ehemalige Ostpreußen und beliefert ein exklusives Geschäft. Dort wollte Alexandra Toropowa, die ihr Marzipanhobby inzwischen als Gewerbe angemeldet hat, ihre phantasievolle Naschkunst auch schon anbieten.

Doch das lief nicht. Was sie, im Nachhinein, erleichtert: „Was ich mache, eignet sich nicht für den Großverkauf, es ist keine Massenware.“ Es sei im übrigen auch kein Königsberger Marzipan, betont sie. „Wir nennen es einfach Kaliningrader Marzipan nach einem alten Königsberger Rezept.“ Freunde haben sie vor dem strengen deutschen Markenschutz und grimmigen Rechtsanwälten gewarnt.

Die nächste Ausstellung naht


In den nächsten Tagen, rechtzeitig vor den russischen Neujahrsferien, wird Alexandra Toropowa ihre neue Marzipan-Ausstellung eröffnen, in der Stadthalle am Schlossteich. Lustiges russisches Weihnachtsnaschwerk will sie dort im heutigen Kunsthistorischen Museum präsentieren, aber auch ihre chinesischen Drachen, die so gut ankommen.

Und zum ersten Mal auch Altkönigsberger Motive und Wappen aus geflämmtem Marzipan, vielleicht bald ein offizielles Souvenir der Stadt. Am Ende wird von der Ausstellung nicht viel übrigbleiben. Denn jedes Exponat ist essbar. Eine bessere Werbung kann Alexandra für sich gar nicht machen.



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Uwe Niemeier 14.12.2012 - 17:21

Als kleiner Steppke sagte ich: Marzepipan ...


Seit Monaten gebe ich mir Mühe, süße Nachrichten aus Kaliningrad zu verbreiten. Keine Ahnung wie viele Beiträge ich schon im Internet platziert habe. Und nun nimmt mir dieses junge Kaliningrader Mädl jede weitere Chance. Gegen solche süßen Kaliningrader Verlockungen komme ich mit meinen ökonomischen Erfolgsmeldungen und schnöden politischen Beiträgen natürlich nicht an. Ich bin neidisch. Aber es ist der „weiße Neid“ bei mir – also der gutgemeinte. Es ist schön zu lesen, wenn sich solche jungen Kaliningrader auf den Weg machen – in ihrem eigenen Interesse und dabei auch gleich noch etwas für das Ansehen der Stadt tun. Das Mädel ist so gut, das vor ein paar Wochen sogar der Spiegel einen Artikel gebracht hat – meine Anerkennung. Ich habe vor einigen Wochen einen jungen Mann zu einem Business überredet. Ich kenne ihn schon, da ging er noch in den Kindergarten. Heute ist er erwachsen und betreibt seit zwei Wochen ein Kerzengeschäft mit importierten deutschen Kerzen und wir werden sein Geschäft im kommenden Jahr, mit deutscher Hilfe erweitern. Ein weiterer Lichtblick in die hoffnungsvolle Jugend – und ich kenne noch mehr solcher jungen Leute.
Vor ungefähr einem Monat hat sich ein Vertreter der alten Schwermer-Firma an mich gewandt und um einige Informationen gebeten. Zum Glück konnte ich seine Fragen beantworten und mutig wie ich war habe ich gleich angefragt, ob die alte deutsche Firma denn nicht wieder in Kaliningrad aktiv werden will. Mit diesem jungen Mädel hätten sie doch schon mal die beste Produktionsdirektorin die man sich denken kann. Und für den Vater findet sich sicherlich auch ein Posten – vielleicht Vertriebsleiter. Und damit alles vernünftig läuft kann man ja einen deutschen Direktor importieren. Eine Antwort habe ich nicht erhalten. Aber irgendjemand wird diesen Artikel ganz bestimmt lesen.
2018 haben wir die Fußball-Weltmeisterschaft. Wie viele Deutsche kommen bis dahin zu uns. Und alle wollen hier ein süßes Leben. Drücken wir Alexandra die Daumen für ihr Geschäft und für täglich neue Ideen.


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