Montag, 03.12.2012

Kaliningrad: Luschkow sucht sich neue Schäfchen

Sieht so ein Schäfer aus? Ja, wenn die Herde groß genug ist, kann man sie auch im Schlips hüten (lassen) (Foto: tv/.rufo)
Kaliningrad. In Russlands Königsberg-Exklave hat der einst mächtigste Mann Moskaus ein neues Betätigungsfeld entdeckt. Als Bauer und Schafzüchter. Immerhin: Auf seine neuen Untertanen kann er sich verlassen.
Juri Luschkow macht Mist. Diese Titelzeile ließ die Journaille sich nicht entgehen, als im vorigen Jahr Pläne publik wurden, der Moskauer Ex-OB wolle im Gebiet Kaliningrad Landwirt werden. Und mit einer Art Superkompost, nach wissenschaftlichen Methoden hergestellt, eine Marktlücke auf dem europäisch-russischen Agrarmarkt füllen.

Dabei war die Affinität des gestürzten Hauptstadtfürsten zu bodenständigen landwirtschaftlichen Betätigungen schon lange kein Geheimnis mehr. Luschkow war lange vor seiner Bürgermeisterkarriere als talentierter und erfolgreicher Imker bekannt. Er mag das russische Landleben, das hat er oft gesagt.

Das alte Gestüt von Weedern wird nun Heimat nicht nur von Zuchtpferden, sondern auch von einer großen Schafherde (Foto: tp/.rufo)
Auch die Nähe zu Kaliningrad kommt nicht von Ungefähr. Seine Gattin Jelena Baturina, neben ihren Rollen als Unternehmerin und reichste Frau Russlands auch noch begeisterte Pferdezüchterin und Reiterin, hatte schon Mitte der 1990er Jahre die Ruinen des alten ostpreußischen Trakehnergestüts Weedern entdeckt und begonnen, sie wieder aufbauen zu lassen.

Nach dem Absturz in Moskau besannen die beiden sich auf der Suche nach „Asyl“ auf das vergessene Pferdeanwesen im Südosten der Kaliningrad-Provinz. Auf den mehr als 10.000 Hektar Land, die Luschkows dort in der Nähe der Stadt Osjorsk (Darkehmen) gehören, wollte das Paar fortan Getreide anbauen, Pferde züchten, Edelmist produzieren. Das war im Herbst 2011.

4000 Schafe für Fleisch und Wolle


Nun nimmt das Vorhaben „Zar und Bauersmann“ wohl allmählich Gestalt an. Mit Schafen. Die eignen sich von Natur aus ganz vorzüglich als Arbeitstherapie für Russlands alternde Ex-Herrscher, fast noch besser als Kompost: Schafe wehren sich nicht, sondern latschen als Herde immer in exakt die Richtung, in die ein gut abgerichteter Schäferhund sie treibt.

Doch der 76-Jährige meint es ganz offensichtlich ernst. Er will im Osjorsker Rayon Romanowski-Schafe halten und züchten, eine robuste, genügsame Rasse, bekannt für ihr gutes Fleisch und viel Wolle. Die ersten 400 Tiere grasen sich bei Suworowka (so heißt Weedern heute) bereits durch die verwilderte Kultursteppe.

Bald soll der Zuchtbestand auf bis zu 4000 Schafe aufgestockt sein, sie bekommen mehrere tausend Hektar spezielle Portionsweiden. Auch von einer weiteren Fleischschaf-Rasse aus Österreich ist bereits die Rede.

Und den Schlachthof gleich dazu


Damit die Wege kurz bleiben, plant Juri Michailowitsch mittendrin den Bau eines modernen Schlachthofes. Einstweilen wächst erst mal eine Getreidetrocknung, ausgerüstet mit der neuesten Technik Made in Germany.

Er erhält dafür möglicherweise millionenschwere Subventionen vom Staat, auch über Korruptionsvorwürfe in Ungnade gefallene Spitzenpolitiker haben Anspruch auf Förderung. Selbige hat Luschkow angeblich auch bereits beantragt, und zwar aus einem jüngst von Moskau aufgelegten landwirtschaftlichen Entwicklungsprogramm.

Das Herrenhaus von Zitzewitz wird dank Ex-Baulöwin Baturina wieder zu einem Schmuckstück in der depressiven Region (Foto: tp/.rufo)
Auch im von Jelena Baturina mit viel historischem Gespür wiederaufgebauten Gestüt der Familie von Zitzewitz, das zwischenzeitlich in einem Dornröschenschlaf vor sich hindämmerte, tut sich etwas. Auf dem Parcour zwischen den Stallanlagen trainieren regelmäßig junge Leute für Springreitturniere, der Bestand ist auf 120 Pferde gewachsen.

Eine Reisegruppe des deutschen Trakehnerverbandes registrierte im Sommer erfreut, dass auch Ostpreußens legendäre Pferderasse in Suworowka wächst und gedeiht. Das Gestüt nennt sich selbst Russlands einzigen Pferdezuchtbetrieb, in dem reinrassige Bestände von Holsteinern, Hannoveranern und Trakehnern gehalten und gezüchtet werden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt


In der von Arbeitslosigkeit und strukturellen Zusammenbrüchen gebeutelten Umgebung kommt das Engagement der Luschkows an wie der letzte Hoffnungsschimmer vor dem Untergang. „Diese Leute sind ein Segen für uns“, sagt ein alter Mann in einem winzigen, fast ausgelöschten Dorf namanes Gremjanje, es grenzt direkt an die Ländereien der berühmten Moskauer.

Gesehen hat er den Herrn der Felder selbst noch nicht, aber Luschkow werde hier endlich wieder etwas aufbauen, da ist er sich sicher. „Warum sollte er sonst hergekommen sein?“

Gute Frage. Sollte der neue Nachbar auf seinem Land allerdings schalten und walten wie früher in der Hauptstadt, wird der Alte sich noch wundern. Es geht den Menschen halt wie den Schafen.