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Treten ohne Hemmungen: Szene aus dem Gewalt-Video der Gusewer Schülerinnen (Foto: vk.com)
Treten ohne Hemmungen: Szene aus dem Gewalt-Video der Gusewer Schülerinnen (Foto: vk.com)
Donnerstag, 12.04.2012

Kaliningrad: Gusewer Schülerterror schlägt hohe Wellen

Kaliningrad. In Gusew haben zwei Schülerinnen eine Altersgenossin schwer misshandelt, das Ganze gefilmt und ins Internet gestellt. Der Fall sorgt russlandweit für Aufsehen, auch der Reaktion der Behörden wegen.


Alles begann offenbar mit einem harmlosen Streit. Eine 15-Jährige aus Gusew (Gumbinnen)hatte sich im Unterricht abfällig über eine Mitschülerin geäußert, wahrscheinlich fielen ein paar hässliche Worte, die Einzelheiten werden noch untersucht.

Ende März, es sind gerade Ferien, lauert die Beleidigte zusammen mit einer Freundin ihrer Altersgenossin auf und schlagen sie brutal zusammen. Der Freund eines der beiden Mädchen und angeblich noch eine weitere Gleichaltrige stehen dabei, ohne einzugreifen, als die beiden Gewalttäterinnen immer wieder auf die bereits reglos am Boden Liegende eintreten. Das alles wird mit dem Handy gefilmt.

Kurz darauf, es ist der 4. April, stellen sie ihr Horrorfilmchen ins Internet, mit kaltblütigen Kommentaren versehen. Das brutale Video löst eine Welle der Empörung aus, zunächst in Gusew, inzwischen diskutiert man im gesamten Gebiet Kaliningrad heftig über diesen Schülerterror.

Nicht nur der Brutalität dieses Gewaltakts wegen. Es geht auch nicht nur um die Macht des Internets, die vielen zunehmend unheimlich wird. Protest entfacht vor allem die Weigerung der Gusewer Polizei und Staatsanwaltschaft, gegen die beiden Gewalttäterinnen ein Verfahren zu eröffnen.

Miliz schiebt den Fall vom Tisch


Als die Eltern des zusammengeschlagenen Mädchens den Fall in der vorigen Woche bei der Miliz anzeigen, sehen die Ermittler keinen Grund, tätig zu werden. Zum einen sei die Geschädigte trotz des brutalen Übergriffs offensichtlich nur leicht verletzt worden, versuchen sie zu beschwichtigen.

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Zum anderen seien die Täterinnen noch minderjährig und daher noch nicht oder allenfalls nach dem Jugendstrafrecht für ihre Tat verantwortlich zu machen, gibt Gusews Polizeichef Jewgenij Golenko vor der Presse zu bedenken.

„Wir können nur im Rahmen der Gesetze ermitteln, so ist das nun einmal. Sollte die Staatsanwaltschaft entscheiden, dass hier ein Verfahren eröffnet wird, geht die Sache vor Gericht. Nur ein Richter kann darüber urteilen, welche Strafe oder erzieherische Maßnahme für die Täterinnen auszusprechen ist.“

Doch die Staatsanwaltschaft der Kreisstadt sieht keinen Grund, ein Verfahren gegen die beiden Schülerinnen zu eröffnen. Zu dünn die Faktenlage, zu vage und widersprüchlich die Protokollaussagen. Angeblich. Polizei und Staatsanwaltschaft werden sich die Verantwortung für die Untätigkeit bald gegenseitig zuschieben.

Protestdemo und Hetzjagd


Denn das Thema ist seit Tagen Stadtgespräch in Gusew, die Reaktion der Ermittler bringt das Fass zum Überlaufen. Vorigen Sonnabend versammelt sich eine wütende Menge auf dem zentralen Platz vor der Kreisverwaltung. Etwa 200 Leute, viele Mitschüler des verletzten Mädchens darunter, demonstrieren für eine „harte und gerechte Bestrafung“ der jugendlichen Täterinnen, die Staatsanwaltschaft solle wegen versuchten Mordes ermitteln.

Die Leute sammeln Geld für das ganz offensichtlich schwerer verletzte, zudem traumatisierte Opfer, in einer Resolution fordern sie eine Verschärfung des Strafrechts für Minderjährige und verlangen von der Verwaltung und den städtischen Abgeordneten zu untesuchen, warum die Miliz ein Strafverfahren ablehnt.

Längst macht in Gusew das Gerücht die Runde, dass dahinter einflussreiche Verwandte einer der Täterinnen stecken.

Das Video hat eine Hetzjagd gegen die beiden Schlägerinnen ausgelöst, die sich zum Teil wiederum im Internet abspielt. Im Sozial-Netzwerk „Vkontakte“, dem russischen Facebook-Äquvalent, gruppieren sich die Unterstützer des verletzten Mädchens, rufen zur Selbstjustiz auf: „Wenn die Polizei wegschaut, greifen wir sie uns doch selbst und sorgen für Gerechtigkeit“, postet einer.

Das Opfer selbst erklärt auf seiner vkontakte-Seite, es wolle von diesem Unterstützerkreis in Ruhe gelassen werden.

Gebietsstaatsanwalt schaltet sich ein


Nicht zuletzt dieser aufgeheizten Stimmung wegen legt der beim Kreis Gusew angesiedelte Untersuchungsausschuss Anfang der Woche Beschwerde bei der Gebietsstaatsanwaltschaft in Kaliningrad ein gegen die Untätigkeit der städtischen Ermittlungsbehörden.

Man wolle und müsse die genauen Umstände der Tat aufklären, mit den Mitschülern Gespräche führen, was eigentlich genau passiert sei, dazu sei ein ordentliches Verfahren nötig, sagt Ausschussvorsitzende.

Gebietsstaatsanwalt Alexej Samsonow nimmt die Beschwerde an, befürwortet ein Ermittlungsverfahren. Nun erst, zwei Wochen nach Erscheinen des inzwischen gelöschten Gewaltvideos im Netz, kommen die Untersuchungen in Gang.

Zugleich erhebt Samsonow schwere Vorwürfe gegen einige Vertreter der Presse, die mit unseriösen Berichten die Jagd auf die beiden Täterinnen und deren Familien regelrecht angestachelt hätten. „Auch diese Jugendlichen haben ein Recht ein gerechtes Verfahren und dürfen nun nicht zum Opfer von Selbstjustiz werden.“

Er kündigt Ermittlungen gegen Medienvertreter an, die die beiden Schülerinnen ebenso wie ihr Opfer mit vollem Namen genannt und weitere persönliche Details aus deren Leben öffentlich gemacht hatten. „Der Schutz von Kindern und Jugendlichem steht über allem.“

„Journalisten sollten besser nachdenken“


Auch Anshelika Maister, Ombudsfrau der Gebietsregierung für den Schutz Minderjähriger, kritisierte die Berichterstattung über diesen Fall schwer. Viele Medienberichte hätten sehr zu der aggressiven Stimmung beigetragen, unter der jetzt alle Beteiligten, vor allem aber das geschädigte Mädchen zu leiden hätten, sagte sie.

„Da wollte offenbar mancher den anderen in der Schrecklichkeit der Darstellung überbieten. Journalisten sollten besser über Folgen ihrer Berichte nachdenken.“

Der Gesundheitszustand der 15-Jährigen sei nach wie vor ernst, es gäbe mehrere innere Verletzungen, sie werde aber nach Aussage des behandelnden Arztes wahrscheinlich keine bleibenden körperlichen Schäden davontragen. „Sie wird keine Invalidin. Hoffen wir das alle.“

Zur Therapie auch der psychischen Schäden soll sie sich nach Genesung noch in einem Sanatorium erholen.

Täterinnen zeigen Reue im Fernsehen


Am Wochenende traten im russischen Staatsfernsehen auch die beiden Täterinnen auf. Beide bereuten vor der Kamera ihre Tat, eine der Schülerinnen entschuldigte sich bei der gesamten Familie ihres Opfers.

Auch die Mutter eines der beiden Mädchen kam zu Wort. Sie sei immer noch schockiert und könne sich das alles immer noch nicht erklären, sagte sie. „Wir sind doch eine ganz normale Familie. Ich habe meine eigene Tochter nicht wiedererkannt.“

Inzwischen hat die Gebiets-Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen gegen drei Polizeibeamte in Gusew angekündigt. Vorwurf: Verzögerung eines Strafverfahrens.



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