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| Wohnen im Grunen: Hausbaustelle in Kaliningrader Gartenkolonie. (Foto: Plath/.rufo) | |
Dienstag, 14.10.2008
Kaliningrad – „Grundstücks-Krieg" erreicht die Datscha
Kaliningrad. Lukrative Baugrundstücke werden in Kaliningrad immer knapper. Parks, städtische Grünanlagen: Vor der Gier von Bau- und Immobilienfirmen scheint nichts sicher. Jetzt geht es den Datschenkolonien an den Kragen.
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Möglicherweise dachte sich Gouverneur Georgi Boos nichts Böses, als er irgendwann im Frühsommer dieses Jahres in einem Pressegespräch die Idee äußerte, Gartenland an der Stadtgrenze zur Erschließung weiterer Baugrundstücke zu nutzen. Dass er wenig später präzisierte, damit vor allem verwilderte Anlagen und Brachland gemeint zu haben und nicht etwa, alten Leuten ihre Datscha wegzunehmen, half dann auch nichts mehr:
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Legitimation für harte Gangart? Der Gedanke des Gebietschefs wirkte auf die Betroffenen wie die öffentliche Legitimation jedes Drucks, den Bau- und Immobilienfirmen auf viele Datschenkolonien ausüben. Denn die Gier nach weiteren lukrativen Baugrundstücken hat längst die Gartenanlagen am Stadtrand erreicht. Von einem regelrechten „Grundstückskrieg" schrieb dieser Tage die Zeitung „Argumenty i Fakty“, und das ist in manchen Fällen gewiss nicht übertrieben.
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Kaliningrad ist, wie alle großen russischen Städte , von einem breiten grünen Garten-Gürtel umgeben. Die Datscha ist in Russland Legende und Heiligtum zugleich, ein Stück Lebenskultur, für die älteren Leute zugleich ganz praktische Überlebenshilfe. Viele der Parzellen sind jahrzehntealt. Die meisten Kaliningrader „Datschniki" haben sich in den 90er Jahren zu Genossenschaften zusammengeschlossen, das Gartenland ist zum Teil gepachtet, zum Teil Eigentum.
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| Vor drei Jahren noch Datschenland: Neues Wohnviertel Selma am Kaliningrader Stadtrand (Foto: Plath/.rufo) |
Gartenland offiziell illegal Doch die rechtliche Lage ist vertrackt. Auf den Bebauungs- und Flächennutzungsplänen gibt es innerhalb der definierten Kaliningrader Stadtgrenzen eigentlich gar kein „Gartenland". Zumindest auf dem Papier. Da sind diese peripheren Ländereien samt und sonders für die perspektivische Bebauung vorgesehen – schon seit Jahren verbietet die kommunale Gesetzgebung die Nutzung von innerstädtischen Flächen für Gartenanlagen.
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Eine rechtliche Grauzone, wie sie durchaus typisch ist für das derzeitige Kaliningrad – aufstrebend, doch von uralten, widersprüchlichen Gesetzen geregelt. Viele Datschen sind also planungsrechtlich eigentlich illegal. Die Stadt hätte sogar das Recht, das betreffende Grundstück zurückzuverlangen.
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Lange hat dies niemanden gestört. Auch die Stadtverwaltung unternahm nichts – wohl auch im Bewusstsein, welcher sozialen Sprengstoff in der Enteignung von Datschengrundstücken steckt. Doch seit der Baugrundstücke knapper werden und die Immobilienpreise immer neue Gipfel stürmen, gelten neue Regeln. Und russische Marktwirtschaft hat wenig Skrupel.
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Die Baufirmen machen Druck Das Beispiel der Datschenkolonie „Pensionär" im Norden der Stadt ist exemplarisch. Seit 1958 gibt es diese Anlage, sie ist eine der ältesten in Kaliningrad. 1993 erhielt sie den Status „Nichtkommerzielle Gartengenossenschaft", abgekürzt SNT. Das Land der rund 120 Parzellen ist Eigentum ihrer Nutzer.
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Mehr als einmal hätten Mitglieder der Genossenschaft in der Stadtverwaltung versucht, Genehmigungen für den Bau individueller Häuser auf ihren Gartengrundstücken zu bekommen, sagt Nina Poljakowa, Vorsitzende der SNT. „Jedesmal erhielten wir Absagen. Doch große Immobilienfirmen kommen neuerdings problemlos an die nötigen Dokumente, und was die hier wollen, muss man sich wohl nicht fragen."
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Bauen natürlich. Vor allem ein in Kaliningrad und an der Küste für seine rauen Methoden bekanntes Bauunternehmen hat sich auf die Pensionär-Kolonie „eingeschossen". Vertreter der Firma sprechen seit Monaten mit jedem einzelnen Gartenbesitzer, machen Angebote, mit Erfolg: Die Hälfte der Datschniki hat bereits verkauft oder Einverständniserklärungen abgebenen.
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Der Preis für Gartenland in Kaliningrad und dem direkten Umland ist in den letzten fünf Jahren regelrecht explodiert: 2002 kosteten hundert Quadratmeter durchschnittlich 100 US-Dollar. Inzwischen sind für die gleiche Fläche 5.000-6.000 Dollar fällig, in lukrativen Bauerwartungslagen schnell mal doppelt so viel. Für ältere Leute ein Vermögen.
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Offene Drohungen Für alle, die ihre Parzellen trotz der verlockenden Offerten nicht abtreten wollen, ändert sich der Tonfall. „Man droht offen, wer nicht verkauft, wird gerichtlich enteignet und bekommt dann nur noch die offizielle staatliche Entschädigung – oder gar nichts", schimpft Poljakowa. „Das ist wie Erpressung."
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In anderen Datschen-Genossenschaften am Kaliningrader Stadtrand läuft es nicht viel anders. Zum Beispiel in der Kolonie Nr.9 im Baltischen Rayon, wo von 60 Datschen nur noch sieben in Gartennutzung sind: Überall stehen Baulöwen bereit. Inzwischen oft mit dem Argument, die Gartenanlagen seien wüstes Land und illegal entstanden auf Arealen, die eigentlich Bauland sind. Seltsam tönt es seit neuestem auch aus den Kaliningrader Stadtteilverwaltungen: Die zum Teil verwahrlosten, von wilden Müllkippen durchsetzten Datschengürtel seien oft Ursache für ökologische Verschmutzungen und Gesundheitsgefährdung.
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„Das ist doch nur ein Argument, um uns schneller zu enteignen", vermutet Poljakowa. „Gärten, die sich in geregeltem Eigentum befinden, sind meist auch in gutem Zustand. Natürlich gibt es problematische Fälle. Aber das sind oft genau die Grundstücke, die schon verkauft wurden."
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Eines hat der Bau-Krieg um den grünen Gürtel inzwischen erreicht: Kaliningrader Datschenbesitzer gehören inzwischen zu den aufmerksamsten Beobachtern der Entwicklung auf dem russischen Immobilien- und Fondsmarkt. Man weiß ja nie…
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