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Das Mahnmal in Palmnicken erinnert an ein Massaker der SS an 7.000 jüdischen Frauen (Foto: tp/.rufo)
Das Mahnmal in Palmnicken erinnert an ein Massaker der SS an 7.000 jüdischen Frauen (Foto: tp/.rufo)
Montag, 28.01.2013

Kaliningrad: Gedenken an einen „vergessenen“ Judenmord

Thoralf Plath, Kaliningrad. Die jüdische Gemeinde Kaliningrads, Kriegsveteranen und viele Einwohner von Jantarny haben am Sonntag am Strand der Bernsteinsiedlung an das „Massaker von Palmnicken“ erinnert. Ende Januar 1945 hatte die SS dort tausende jüdische Frauen ermordet.

Eisgrau lastet Wolkenbrei über der Ostsee, deren Horizont mit dem Himmel zu düsterem Dunst verschwimmt. In den brechenden Wellen klirren Eissplitter. Der Strand von Jantarny liegt tiefgefroren und leergefegt. Länger als ein paar Minuten hält man es kaum aus bei minus 15 Grad, die sich im scharfen Wind doppelt so eisig anfühlen. Winzige Schneeflusen wirbeln durch die Luft.

Ähnlich war das Wetter damals.

Damals, das heißt Ende Januar 1945. Ein bitterkalter Winter hielt Ostpreußens Küste umklammert, heulender Sturm und Schneegestöber, als der Elendszug der halberfrorenen, spärlich in Lumpen gekleideten jüdischen Frauen ankam am 27. Januar im Bernsteinstädtchen Palmnicken an der Samlandküste ankam. Es waren Häftlinge des KZ Stutthof und seiner acht Außenlager.

Erst seit zwei Jahren gibt es das ergreifende Holocaust-Mahnmal an der Bernsteinküste (Foto: tp/.rufo)
Erst seit zwei Jahren gibt es das ergreifende Holocaust-Mahnmal an der Bernsteinküste (Foto: tp/.rufo)
Tausende waren bereits auf dem Todesmarsch zunächst nach Königsberg und dann weiter in Richtung Küste von den SS-Bestien erschlagen, erschossen, ermordet worden. Zurückbleiben hieß sterben. Die Straßen entlang des 50 Kilometer langen Todesmarsches von Königsberg bis in das südliche Samland glichen einem Massengrab. Bis zu 2500 Lagerhäftlinge ließen hier ihr Leben.

„Es gab kein Ziel auf diesem Marsch“, sagt David Schwedik, Rabbiner der Kaliningrader Jüdischen Gemeinde Adat Israel. „Es gab nur den Tod. Es sollte niemand überleben und die furchtbaren Gräuel der deutschen Nationalsozialisten bezeugen können.“

Schwedik und die regionale Bürgerinitiative „Palmnicken 45“ haben eingeladen zum Gedenken nach Jantarny wie nun schon seit Jahren. Es ist Sonntag, der 27. Januar, weltweit Tag der Opfer des Naziterrors in Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Der 27. Januar gilt als das Ende des Holocaust. Doch es war noch nicht das Ende. Das Ende war Palmnicken.

Ein Denkmal, das zu Herzen geht


Mehr als 200 Leute sind gekommen zum Gedenken, trotz der eisigen Kälte. Manche haben rote Nelken dabei, viele tragen ein Johannislicht zu dem Denkmal unterhalb der alten Bernsteingrube „Anna“. Es ist ein Denkmal, das zu Herzen geht und betroffen macht: Überdimensionale Arme, die aus dem Boden ragen, Hände wie in letzter Hoffnung nach dem Himmel greifend, verzweifelt, anklagend.

Foto: tp/.rufo
Foto: tp/.rufo
Bis 1945 stand an dieser Stelle die Werkschlosserei des Bernsteinwerkes. Dort pferchte die SS ihre Opfer zusammen nach der Ankunft an der Küste, zunächst mit dem finsteren Plan, die Überlebenden des Todesmarsches in den Bernsteinschacht zu treiben und dort lebendig einzumauern. Doch einige Palmnicker begehrten auf.

Der örtliche Volkssturmchef Paul Feyerabend wies an, die Gefangenen, mit Essen zu versorgen, aus Menschlichkeit, gewiss auch aus Angst vor der Rache der Russen. Die Rote Armee stand keine zehn Kilometer mehr vom Ort entfernt. Das Grollen der Geschütze lag Tag und Nacht in der Luft. Für die halbverhungerten jüdischen Häftlinge hätte es die Rettung bedeutet, spürbar nah war die Grenze von Tod und Leben.

Doch die Frauen sollten nicht überleben. Es sollte keine Zeugen geben für die Bluttaten der Hakenkreuz-Henker. In der Nacht zum 31. Januar trieben die SS-Wachleute die Kolonne der Frauen am vereisten Strand entlang in Richtung Süden, trennte von hinten kleinere Gruppen ab und jagte sie unter Maschinengewehrsalven in die Ostsee. Wer nicht im Kugelhagel starb, ertrank im eiskalten Wasser oder erfror.

7.000 Menschen ermordet


Die genaue Zahl der Opfer ist heute nicht mehr feststellbar. Von 3.000 bis 5.500 ist die Rede. Insgesamt wurden bei diesem letzten Massaker des Holocaust, dem größten auf dem deutschen Boden, ungefähr 7.000 Menschen ermordet, zum größten Teil junge Frauen, zwischen 19 und 40 Jahren alt und überwiegend polnischer und ungarischer Nationalität.

Doch was schon Zahlen? Fast sechs Jahrzehnte redete niemand davon. Der Judenmord an der Bernsteinküste war in Vergessenheit versunken. Die Neusiedler, nach dem Krieg aus allen Teilen der Sowjetunion in die Beuteprovinz verfrachtet, ahnten nichts. Die Palmnicker, die davon wussten, wollten nichts mehr davon wissen – ihnen war das Leid der eigenen Vertreibung aus der Heimat lange Zeit wichtiger, als sich der Diskussion um Mitschuld in der NS-Zeit zu stellen.

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Erst Martin Bergau, Sohn des Palmnicker Küsters, brach das Schweigen. In seinem autobiografischen Buch „Der Junge von der Bernsteinküste“ schrieb er Ende der 1990er Jahre erstmals auch von Häftlingen, den Erschießungen, den Leichen. Als Hitlerjunge hatte er im Alter von 16 Jahren miterlebt, wie geflüchtete und wieder eingefangene Jüdinnen im Hof der Schlosserei abgeknallt worden waren. Sein Leben lang habe er diese traumatischen Erlebnisse mit sich herumgeschleppt, bekannte er. „Ich konnte und wollte nicht länger schweigen. Es war wie eine innere Befreiung.“

Bergau nahm in Kaliningrad Kontakt zu einem deutschen und zwei russischen Journalisten auf, die auf den Spuren des vergessenen Massakers zu recherchieren begannen. Die Medienberichte lösten eine breite Diskussion aus. Im Januar 1999 gedachte die jüdische Gemeinde erstmals in Jantarny am Strand des schrecklichen Verbrechens. Mehr als hundert Menschen kamen, trotz eisiger Kälte.

Nur ein Massengrab erhalten


Eigentlich wollte man auf dem einzigen erhaltenen Massengrab einen Gedenkstein für die Opfer aufstellen, aber das erlaubten die Behörden nicht. So bauten sie das Mahnmal ein Stück weiter, auf dem Gelände der ehemaligen Werkschlosserei – jenem Ort, von dem aus die Häftlinge ihren letzten, grausamen Marsch in den Tod antreten mussten.

Rabbiner David Schwedik erinnerte auch an die "anderen Deutschen" - jene, die Juden retteten (Foto: tp/.rufo))
Rabbiner David Schwedik erinnerte auch an die "anderen Deutschen" - jene, die Juden retteten (Foto: tp/.rufo))
Vor zwei Jahren wurde dort die ergreifende Skulptur des aus Danzig stammenden, israelischen Bildhauers Frank Meisler enthüllt. Oberhalb, an der Betonhülle des Anna-Schachtes, steht in stilisierten Versalien das Wort HOLOCAUST.

Ein bewegender Ort. Bewegende Worte sind zu hören an diesem Sonntag, obwohl Worte nicht leicht fallen auch 68 Jahre nach dem furchtbaren Mord. Der Oberbürgermeister von Kaliningrad sagt etwas, die Vertreterin des russischen Außenministeriums, der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, zwei Kriegsveteranen.

Der Generalkonsul Polens mahnt das Gebot der Liebe als gesellschaftliche Lehre aus der Geschichte an, Rabbiner David Schwedik erinnert daran, dass es auch die „anderen“ Deutschen gegeben habe, jene, die trotz drohender Todesstrafe geflohene Juden aufnahmen, versteckten und halfen zu überleben.

Emotionale Reden, in ihrem Tenor weder hasserfüllt noch verbittert, sondern auf eines hinauslaufend: Nie wieder. Niemals vergessen, immer wieder erinnern, um zu verhindern, das sich so etwas jemals wiederholt.

„Was bleibt, ist Trauer und Scham“


Der deutsche Generalkonsul Rolf Friedrich Krause spricht von einer unfasslichen Tat, von einem Verbrechen, von Deutschen in deutschem Namen begangen: „Die emotionale Frage nach dem Warum stellt sich heute genauso wie vor 68 Jahren.“

Und er zitierte Uwe Neumärker, den Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Palmnicken in den „Raum der Orte“ unter der Berliner Holocaust-Gedenkstätte aufgenommen und dem Erinnern an das größte NS-Verbrechen auf deutschem Boden damit einen Platz gegeben hat.

„Was bleibt, ist Trauer, ist Scham, dass Menschen zu solchen Taten fähig waren“, so Krause. „Und die Mahnung an uns, die Lebenden: Die Mahnung, die unschuldigen Opfer der Gewalt nicht zu vergessen.“ Im Namen eines Deutschlands, das diese Mahnung ernst nimmt, legte Krause einen Kranz an dem Mahnmal nieder.

Am Ende der eisigen Stunde an der Gedenkstätte von Palmnicken spielt ein Geiger die Melodie aus „Schindlers Liste“, durchdringende Klänge. Anschließend wartet auf alle heißer Tee.

Auf die Frauen in der letzten Januarnacht des Jahres 1945 wartete der Tod. Nur 18 überlebten.



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C. Müller-Gödecke 28.01.2013 - 14:10

Es gibt einen Roman über diese Ereignisse

Arno Surminiski hat in dem Buch \"Winter 45\" den Ermordeten Respekt erwiesen und diese Geschehnisse geschildert.

Siehe auch: http://www.avantart.com/lesebuch/2011/01/winter-45/


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