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| Rote Fahnen und Ikonen wurden gegen die staatlichen Casino-Pläne aufgeboten (Foto: Kaliningrad.ru) | |
Mittwoch, 04.07.2007
Kaliningrad: Erste Demo gegen "Las Vegas"-Pläne
Kaliningrad. Kirche und Kommunisten machen gegen das „Sünden-Babel“ in Form einer Glückspielzone an der Bernstein-Küste mobil. Erstmals demonstrierten mehrere hundert Bürger der Ostsee-Exklave gegen das Projekt.
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Der Widerstand gegen "Las Vegas" wächst. Nach Unterschriftensammlungen, scharfer Kritik der orthodoxen Kirche und diversen Debatten in regionalen Medien fand der Protest gegen die Moskauer Casino-Pläne mit der ersten Demo einen neuen Höhepunkt.
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Trotz strömenden Regens versammelten sich mehr als 500 Menschen – die Veranstalter sprachen von „fast 1000“ – an der Triumphsäule auf dem Platz des Sieges, um ihre Transparente und Forderungen in Richtung Rathaus und der zahlreichen Pressekameras hochzuhalten: "Nein zur Glückspielwirtschaft". "Tschernjachowsk gegen die Zone". "Gottlosigkeit".
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| Tschernjachowsk ist zwar weitab vom geplanten Las Vegas, aber auch dort gibt es Gegner (foto: kaliningrad.ru) |
Selbst aus den Städten im äußersten Osten des Gebietes waren Menschen angereist, um gegen die ihrer Meinung nach überflüssige und von einem kriminellen Image behaftete Roulette-Zone für Superreiche zu protestieren. Plakate warnten vor Sünde, Kriminalität, einem Aufblühen von Prostitution und Drogenmissbrauch, gar einer drohenden Apokalypse. Orthodoxe Christen trugen Heiligenbilder vor sich her.
Bürgerinitiative fordert Referendum
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Initiator der Demonstration war die Bürgerbewegung "Volk gegen Glückspielzone", deren Chefin Ludmila Rjabitschenko auf dem Siegesplatz ihre Forderung nach einem Referendum bekräftigte: "Unsere Mächtigen wollen das verhindern, weil sie genau wissen, dass die Mehrheit der Bevölkerung des Kaliningrader Gebietes gegen dieses Las Vegas ist." Mehr als 20.000 Unterschriften hat die Bürgerinitiative inzwischen gesammelt, um die Forderung nach einer öffentlichen Abstimmung zu untermauern.
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Zu diesem Volksentscheid wird es dennoch kaum kommen. Die Gebietsduma hat die Forderung bereits abgewiesen. Begründung: Ein regionales Referendum könne sich nicht gegen ein förderales Gesetz richten.
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Befürworter prophezeien touristischen Aufstieg
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Und die Pläne für das luxuriöse Roulette-Resort an der Bernsteinküste wurzeln in einem solchen Gesetz. Der Kreml hat unlängst beschlossen, Glückspiel-Einrichtungen landesweit nur noch in vier offiziellen Zonen legal zuzulassen, um die seit Jahren wuchernde, von Kriminalität durchsetzte Branche in geordnete Bahnen und somit auch besser unter Kontrolle zu bringen.
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Als eine dieser Zonen, die im Volksmund schnell den Übernamen "Las Vegas" weghatten, legte man die für Moskau zunehmend interessante Königsberg-Exklave an der Ostsee fest. Gebaut werden soll die von einem amerikanischen Architekturbüro entworfene, 20 Milliarden Dollar teure Casino-Stadt nahe der Bernsteinsiedlung Jantarny (Palmnicken).
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Glaubt man den Lobpreisungen der Befürworter, steht dem verwilderten Küstennest ein sagenhafter Aufstieg in die Liga internationaler touristischer Oberklasse-Berühmheiten bevor. Die Proteste zeigen freilich: Viele glauben eben daran nicht. Die Bürgerbewegung fordert stattdessen eine wirkliche Modernisierung der Region - nicht Reservate für Superreiche brauche man, sondern eine Sanierung der Innenstädte, Straßen, Krankenhäuser.
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Kommunisten machen mobil
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Das Las Vegas-Projekt gerät so in Kaliningrad immer mehr zu einem Symbol für eine rabiate Moskauer "Okkupation" der EU-Enklave. Für manchen Sowjetveteranen wohl auch einfach zum Sinnbild des verhassten Räuberkapitalismus mit all seinen kleinen und großen Ungerechtigkeiten.
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Die vielen roten Fahnen und Lenin-Bilder auf der Demo zeigten, wer da vor allem seine Leute gegen die Casinos und Spielhöllen in Stellung bringt: Kaliningrads Kommunisten machen mobil. Dazu gesellte sich die Radikalopposition: Vertreter von "Pobeda" (Sieg") und "Patrioten Russlands", zweier extrem nationalkonservativer Bewegungen.
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| Linke Bewegungen, vor allem die Kommunisten, protestieren gegen das Zocker-Eldorado (Foto: kaliningrad.ru) |
Auch Igor Rewin, Chef des Gebietskomitees der Kommunistischen Partei, wetterte scharf gegen die Glückspiel-Zone. Dass er dabei ausgerechnet das biblische Motiv der Vertreibung der Händler aus dem Tempel durch Jesus bemühte, entbehrte freilich nicht einer gewissen Ironie: Kommunisten und orthodoxe Kirche gemeinsam auf einer Seite der Barrikade, das hat auch in Kaliningrad, wo man an Ungewöhnlichkeiten aller Art einigermaßen gewöhnt ist, ziemlichen Seltenheitswert.
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Energieversorger warnen vor Stromkrise
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Unerwartete Schützenhilfe erhalten die Protestler jetzt von Seiten der Energieversorger. Denn dem Kaliningrader Gebiet droht ein Energiedefizit: Die Wirtschaft boomt, Gas und Strom reichen in der teuer per Transit aus dem russischen Kernland versorgten Exklave schon jetzt kaum, vor allem die Gasversorgung macht der Regionalregierung inzwischen große Sorgen.
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Für einen Großverbraucher wie das gigantische Glückspiel-Distrikt wären die Energie-Kapazitäten gar nicht vorhanden, warnt es aus dem regionalen Stromversorger "Jantarenergo" und jüngst sogar aus der Chefetage von Gasprom. Die Glückspielzonen verbrauchten im Durchschnitt bis zu viermal mehr Energie als industrielle Produktionsstätten.
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Wenn also auch die mächtige Gasprom gegen „Las Vegas“ setzen sollte, klingt das schon stark nach einem "Rien ne va plus".
(Thoralf Plath/. rufo)
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