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| Manche bleiben auf Nummer sicher und nah am Ufer: Eisangler in Polessk. (Foto: Plath/.rufo) | |
Dienstag, 20.02.2007
Kaliningrad: Eisangler zwischen Bruch und Beute
Kaliningrad. Kaum hat ein später Hauch von Winter das Kurische Haff samt Zuflüssen mit einer zarten Eisdecke überzogen, sind sie da: die Eisangler. In Zeiten des Klimawandels ein zunehmend lebensgefährliches Hobby.
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Miliz und Katastrophenschutz warnen seit Tagen, die regionalen Radiostationen senden es täglich mehrmals im Anschluss an die Nachrichten und an allen Zufahrtsstraßen zum Kurischen Haff stehen rotumrandete Schilder mit großen Buchstaben: Die Eisdecke trägt nicht, wer es dennoch versucht, spielt mit seinem Leben.
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Doch es hilft alles nicht. Einen russischen Eisangler schrecken solche Warnungen nicht.
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| Mehr Köder als Fische: Der Fluss Deima lockt derzeit hunderte Eisangler. (Foto: Plath/.rufo) |
Es ist die Jagd. Die Jagd auf Fische, und seien sie noch so winzig, vom Eis aus, und sei es noch so dünn. In ganz Osteuropa ist das Nationalsport – in Russland noch ein bisschen mehr. Und so langten in der wasserreichen Kaliningrader Umgebung ein paar Tage schlappen Spätwinterfrostes, um die Völkerwanderung in Gang zu setzen: Vor allem in der kleinen Kreisstadt Polessk (Labiau), wo sich nah am Haff in sumpfiger Niederung das Flüsschen Deima und der Große Friedrichsgraben kreuzen, lockt es derzeit täglich Hunderte aufs sprichwörtliche Glatteis.
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Dass letzteres an den dickeren Stellen höchstens zehn Zentimeter misst und an den dünnsten gar noch erst Eis werden will – was solls? Was ein echter Eisfischer ist, der kennt sein Revier. Und überhaupt: Ist es an Land nicht auch lebensgefährlich? Die Polessker Milizionäre in ihrem Straßenposten neben der Adlerbrücke sind gegen soviel kollektive Unvernunft machtlos. „Aber wer einbricht, soll dann auch sehen, wie er wieder rauskommt“, brummt einer der Polizisten.
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Welch Wunder: Noch ist nichts passiert
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Doch beim Angeln auf russischem Eis gelten die Gesetze der Physik offenbar nicht. Es gleicht jedenfalls einem Wunder, dass in diesem Winter bisher noch niemandem etwas passiert ist.
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Die Deima hält und auch der Friedrichsgraben – auch wenn „die im Radio“ das Gegenteil behaupten. Auch anderswo im angelverrückten Kaliningrader Gebiet ging das Russisch Roulette auf dem Spätwintereis bislang gut. Auf dem ebenso fischreichen wie tückischen Wystiter See ganz im Osten des Kaliningrader Gebietes nahe der Grenze zu Litauen brachen zwar am Wochenende zwei Männer ein. Sie konnten aber gerettet werden – und werden wohl am kommenden Wochenende wieder losziehen mit ihren Miniruten und Spiralbohrern...
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Vielleicht ist das ganze Unterfangen am Ende doch vernünftiger als es scheint? Immerhin: Der Wahnsinn hat Grenzen. Auf das Kurische Haff etwa traut sich von Kaliningrads winterlicher Petrijüngerschaft derzeit niemand weit.
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Zu bedrohlich stapeln sich draußen die Schollen unter dem Druck unsichtbarer Naturgewalt polternd zu mannshohen Barrieren auf, reichlich imposant untermalt von einem obertönigen Jaulen, wenn Spannungsrisse in Sekunden kilometerweit von Ufer zu Ufer jagen.
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Da möchte man nicht wirklich zwischengeraten, soviel scheint auch dem aberwitzigsten Feinfrostfischer klar. Zumal das Haff, diese riesige Flachwasserlagune, zwar schnell zufriert, aber genausoschnell auch wieder aufreißt.
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Katastrophe auf dem Haff: 1994 gab es 51 Tote
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| Winterpause für die Fischerboote haben Winterpause, Saison für die die Eisangler. (Foto: Plath/.rufo) | |
Doch wo immer die Uferzonen einigermaßen begehbar scheinen, tasten sich die Männer vor, um ihre „Lunka“, wie das kleine Eisloch auf russisch heißt, an möglichst exklusive Stelle in die knisternde Scholle zu bohren. Und wäre es nur ein bisschen kälter, sowie im vorigen Jahr, dann stapften sie kilometerweit hinaus, zu den besten Revieren, wo an den grünen Abgründen der Sandbänke die fettesten Zander stehen.
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Weil es so verlockend ist, vergeht auch kein Winter, ohne dass das Eisangeln am Kurischen Haff seine Opfer fordert. Meist passiert es im zeitigen Frühling, wenn das Eis draußen noch hält, während die Sonne das Flachwasser wärmt.
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So war es auch am 13. März 1994, als sich bei ablandigem Wind ein riesiges, fast einen Kilometer langes Eisstück vom Ufer löste und mit über hundert Anglern auf das Haff hinaus trieb. Als die Leute es merkten, war es schon zu spät. Bald dämmerte es, während die Scholle bei auffrischendem Wind in immer kleinere Stücke zerbrach. Die Rettungskräfte setzten Hubschrauber ein, doch sie hatten keine Chance. Das Haff ist dreimal so groß wie der Bodensee. 51 Männer ertranken.
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An diese Katastrophe erinnert heute noch ein Gedenkstein nahe des Haffdorfs Kaschirskoje. Vor dem Mahnmal, einer schwarzen Granitplatte in Form einer zerborstenen Scholle, liegen oft frische Blumen. Doch dahinter lockt das Haff. Und das ist stärker als die Angst. (Thoralf Plath/.rufo)
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