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| Suche nach einer versunkenen Welt: Grabungsfläche Wiskiauten (Foto: Plath/.rufo) | |
Freitag, 25.07.2008
Kaliningrad: Die Suche nach Wiskiauten geht weiter
Kaliningrad. Ein deutsch-russisches Archäologenteam hat mit der diesjährigen Sommergrabung nahe von Selenogradsk begonnen. Ziel der Suche: Wiskiauten, die letzte verschollene Handelssiedlung der Wikinger an der Ostsee.
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Seit fünf Jahren forscht der Kieler Archäologe und Grabungsleiter Timo Ibsen, ein Fachmann für die frühgeschichtlichen Kulturen an der Küste des einstigen Ostpreußen, nach Spuren des versunkenen Siedlung nahe der Kurischen Nehrung, wo vom 9. bis in das 11. Jahrhundert hinein heidnische Prussen und die aus Gotland angelandeten Wikinger schwunghaften Handel trieben und wohl auch eng zusammen lebten.
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Wiskiauten - bedeutend wie Haithabu und Vineta Das jedenfalls legen Funde nahe aus dem Gräberfeld Wiskiauten, das im Gegensatz zur eigentlichen Siedlung seit mehr als hundert Jahren bekannt und mittlerweile auch zu einem Großteil erforscht ist.
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| Mit in den Tod genommen: Kostbare beigaben aus einem Wikingergrab (Foto: Plath/.rufo) |
Schmuckfibeln in der typischen skandinavischen Flechtbandornamentik, reichverzierte Schwerter und andere kostbare Grabbeigaben, aber auch Silberbarren, Münzen und Waagen, seit 1865 von den Mitgliedern der einstigen Königsberger Prussia-Altertumsgesellschaft und in den letzten Jahren vom Kaliningrader Archäologen Wladimir Kulakow aus den über 500 Hügelgräbern des „Winkingerfriedhofes“ geborgen, lassen keinen Zweifel: Wiskiauten muss als polyethnischer Handelsort einst ähnlich bedeutsam gewesen sein wie das berühmte Haithabu an der heutigen deutsch-dänischen Grenze bei Schleswig.
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Strategisch gut gelegen Was nicht verwundert, blickt man auf die Landkarte und denkt sich dabei in der Zeit um 1200 Jahre zurück. Damals lag eine Öffnung der Kurischen Nehrung vom offenen Meer in das dahinter sich erstreckende geschützte Haff mit seinen weit in das Land hineinreichenden Flüssen noch am südlichen Ende der Landzunge. Hier, in strategisch bester Lage, unterhielten die prussischen Ureinwohner der Bernsteinküste eine ganze Reihe von Wallburgen und Siedlungen.
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Eine der bedeutendsten war zweifellos Wiskiauten, nah an Nehrungstief und Haff gelegen, ein Zentrum für Handwerk und Bernsteinhandel. Kein Wunder, dass auch die ab dem 9. Jahrhundert an die südbaltische Küste vordringenden Wikinger diesen Ort zu einem Knotenpunkt in ihrem internationalen Handelsnetz zwischen Ostsee und Schwarzem Meer machten.
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Alte Prussen-Burgwälle erkundet Dutzende der prussischen Burgwälle sind bis heute erhalten in der wildromantischen samländischen Küstennatur. Archäologe Ibsen hat sie mit Hilfe alter ostpreußischer Messtischblätter lokalisiert, hat sie erkundet und sich so ein Bild zu machen versucht von einer frühen, längst vergangenen Kulturlandschaft an der Ostsee.
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| Landschaft mit doppeltem Boden: Wo lag Wiskiauten? (Foto: Plath/.rufo) | |
Doch ausgerechnet von Wiskiauten fehlt jede Spur. Wo lag der legendäre Ort? Auf den ersten Blick eine leichte Übung, denn das in einem Wäldchen verborgene Gräberfeld scheint einen brauchbaren Ansatz zu liefern, ebenso wie das kleine Dorf Mochowoje daneben: Mochowoje hieß zu deutscher Zeit Wiskiauten.
Doch die Forscher wissen es besser - leider. Fest steht längst: Die Handelssiedlung der Nordmänner lag woanders als das heutige Dorf. Und ringsherum findet sich auf den weiten, brachliegenden Feldern, die in sanften Wellen zur Küste hin abfallen, kein sichtbarer Hinweis.
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Wo liegt Wiskiauten? Weit reicht der Blick von Mochowoje über das Moor der Haffniederung bis hinunter zu den Erlenbruchwäldern, hinter denen das riesige Kurische Haff beginnt. Dazwischen lediglich zwei Asphaltstraßen, die Bahnlinie von Selengoradsk (Cranz) nach Kaliningrad. Wiskiauten könnte überall gelegen haben in dieser leeren Weite. Wo soll man da anfangen zu suchen?
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„Ja, viele Bezugspunkte liefert die Oberfläche tatsächlich nicht“, sagt Ibsen. „Landschaft verändert sich in einer so langen Zeit halt auch erheblich. Wir wissen, dass die Wikinger in ihren Siedlungen einen direkten Zugang zum Wasser hatten, für ihre Boote. Aber wo der hier gewesen sein könnte, schwer zu sagen.“ Unter der Oberfläche habe die Landwirtschaft viele Strukturen zuerstört. „Das macht unsere Arbeit nicht leichter.“
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Zeitlich zweimal knapp vorbei Es ist durchaus kein Frust, der in der Stimme des Grabungschefs mitschwingt. Leute seines Schlages forschen in der Gewissheit, dass nichts gewiss ist – und die Suche dauern kann. Als großer archäologischer Erfolg gilt das deutsch-russische Gemeinschaftsprojekt in der Fachwelt längst, auch ohne die Entdeckung der eigentlichen Handelssiedlung.
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Die bisherigen Grabungen, mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert, brachten jede Menge interessanter Funde. Die erste Sommergrabung vor zwei Jahren reichte an einem von drei Objekten zeitlich ganz nah an die Wikingerzeit heran, es fehlten noch knapp 150 Jahren. Auch im zweiten Jahr stieß man auf Siedlungsreste, unter anderem auf einen riesigen Brunnen – nur diesmal aus einer Zeit, als die Nordmänner noch gar nicht an den baltischen Gestaden gelandet waren.
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Neue Erkenntnisse über Geschichte des Samlands „Die bisherigen Grabungen haben viele neue Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte des samländischen Küstenlandes gebracht“, sagt Ibsen. „Was wir bisher haben, ist viel mehr, als zu erwarten war. Jetzt noch auf Spuren vom wikingerzeitlichen Handelsplatz Wiskiauten zu stoßen, das wäre gewissermaßen die Krönung.“
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| Indiz für den Fernhandelplatz Wiskiauten: Fund einer in der Ostseeregion seltenen Gagatperle (Foto: Plath/.rufo) |
Im vorigen Sommer behinderten zunächst die Tücken der russischen Zollbürokratie und später extreme Regenfälle die Grabungsarbeiten stark. Doch jetzt scheint die Entdeckung des letzten Gliedes in einer langen Kette von wikingischen Fernhandelszentren an der Ostsee von Haithabu über Rerik, die Insel Wolin (Vineta) und das ebenfalls geheimnisumwitterte Truso bis hoch nach Grobina im westlichen Lettland nahe der Stadt Liepaja zum Greifen nah.
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Voruntersuchungen per Georadar und Radio-Carbon-Untersuchungen von Holzkohleresten aus Stichproben haben der Tiefe unter der versteppten Grasnarbe rings um Mochowoje/Wiskiauten spannende Indizien entlockt.
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Hilfe von der Geophysik
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| Bilder wie vom Mond: Das Georadar hilft den Archäologen (Foto: Plath/.rufo) | |
Denn damit die Ausgrabungen nicht gänzlich zur sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen werden, holten sich die Archäologen Hilfe bei den Kollegen vom Institut für Geowissenschaften der Kieler Christian-Albrechts-Universität. Mit kompliziertem Messgerät „scannten“ die Geophysiker im zeitigen Frühjahr bei eisigem Ostwind tagelang den hartgefrorenen Boden am Kurischen Haff, arbeiteten sich streifenweise per Minitraktor durch die Botanik, dabei die magnetische Strahlung im Erdreich messend.
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Für einen Laien mögen die per Computer erstellten Aufnahmen aussehen wie schlecht kopierte Bilder von der Mondoberfläche, doch Timo Ibsen und sein Kollege Hannes Frenzel entdeckten darauf an mehreren Stellen „interessante Anomalien“, wie sie es nennen. Eine liegt direkt am Übergang des hügeligen Mineralbodens zur Moorniederung – wo durchaus auch der Zugang zum Wasser gelegen haben könnte.
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An einigen Stellen setzten je die neun deutschen und russischen Archäologen nun an. Bis Ende August werden sie dort graben und vielleicht auf erste Spuren stoßen, um eines der letzten archäologischen Geheimnisse des Ostseeraums zu lüften: Wiskiauten. Weitere Infos zur Grabung: www.wiskiauten.eu
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