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| Mit Kurs auf die Bernsteinküste: Das Gebiet Kaliningrad ist für die meisten Skipper ein unbekanntes Revier (Foto: tp/rufo) | |
Freitag, 16.06.2006
Kaliningrad: Bootstourismus kämpft mit Gegenwind
Kaliningrad. Der Sommer ist da und prompt steuern die ersten Ostseesegler auch das Gebiet Kaliningrad an: Die russische Bernsteinküste lockt die boomende Yacht-Branche. Doch das Revier hat üble bürokratische Klippen.
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Wolfgang Höbel und Rolf Sachweh haben Glück gehabt. Als die beiden Segler aus Mecklenburg-Vorpommern vergangenen Sonnabend mit ihren Yachten „Randi 2“ und „Thalatta“ von der polnischen Halbinsel Hel aus in See stachen, nahmen sie Kurs auf Baltijsk.
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Dass die russische Marinebasis inzwischen für ausländische Sportboote wieder geschlossen ist, wussten sie nicht – in den offiziellen Seekarten ist Baltijsk als Einklarierunghafen eingetragen. So segelten sie, nichtsahnend, unter deutscher Flagge munter in das Marinesperrgebiet der Baltischen Flotte hinein.
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Skipper-Solidarität: Per Funk in den richtigen Hafen gelotst
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| Sergej Shadobko hat schon so manchen Gast-Segler durch die Kaliningrader Untiefen gelotst (Foto: tp/rufo) |
Zum Glück bekam das Sergej Shadobko über Funk mit. Der Kaliningrader Segler nahm Kontakt mit dem längst alarmierten Küstenschutz auf, glättete halbwegs die Wogen der Aufregung und brachte die deutschen Segler auf den Kurs nach Pionerski, den nunmehr einzigen Einklarierungshafen für ausländische Yachten an der Küste des Kaliningrader Gebietes.
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Dort machten die beiden Kielboote am späten Abend fest – per Funk sicher hineingelotst von Shadobko, der ein bisschen Deutsch spricht. Skipper Wolfgang Höbel, erfahrener Ostseesegler, war trotz des Umweges von 30 Seemeilen sichtlich erleichtert. Und seinem Kaliningrader Sportsfreund dankbar. „Woher sollten wir wissen, dass Baltijsk gesperrt ist? In den aktuellen Karten steht davon nichts. Und der Küstenschutz spricht nur russisch. Wir haben jedenfalls kein Wort verstanden.“
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Bootstourismus kratzt an militärischen Empfindlichkeiten
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Wäre der Kaliningrader Gouverneur Georgi Boos doch nur mit an Bord gewesen. Dann hätte er einmal live erleben können, warum die internationale Yacht-Szene einen großen Bogen um die russische Ostsee-Provinz schlägt. Die Vorurteile sitzen tief – und umso schneller sprechen sich solche Grenz-Erfahrungen herum. Einen nennenswerten Bootstourismus gibt es deshalb an den Kaliningrader Ostsee- und Haffküsten bis heute de facto nicht – aller hiesigen Traumreviere zum Trotz.
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Boos will das schleunigst ändern. Tourismus spielt eine große Rolle in seinem Modernisierungskonzept, mit dem er die Exklave zu Russlands Vorzeigeregion in Europa machen will.
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Sein Leitmotto „Kaliningrad öffnet sich“ soll darum auch die boomende und lukrative Skipper-Branche als Einladung verstehen. Da es dafür zunächst einmal eine geeignete Infrastruktur braucht, liegen mehrere Projekte für den millionenschweren Bau moderner Yachthäfen – unter anderem in Selenogradsk (Cranz) und in Rybatschi (Rossitten) auf der Kurischen Nehrung – fix und fertig in der Schublade.
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Bernsteinküste bei Sturm gefürchtet
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| Nicht viel Steg für 120 Kilometer Küste: Mini-Yachtmarina in Pionerski (Foto: tp/rufo) | |
Bedarf wäre zweifellos da. Die acht Gastliegeplätze der Extel-Marina in einer Ecke des Hochseefischerhafens Pionerski – für 120 Kilometer Küste ist das nicht viel. Denn zwischen der polnischen Halbinsel Hel und dem litauischen Klaipeda liegen 90 Seemeilen.
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Selbst erfahrene Freizeitskipper fürchten diese hafenlose Strecke, zumal die Ostsee hier richtig wild werden kann: Im vorigen Sommer geriet ein Segler vor der Kurischen Nehrung in einen Sturm, der Wellen bis sechs Meter Höhe aufpeitschte. Die russische Exklave anzusteuern, traute er sich trotz Seenot nicht: kein Visum, kein vertrauenserweckender Port, stattdessen mehrere Militärsperrzonen vor der Küste.
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Die seit der Nato-Osterweiterung wieder spürbar strengere Abschottung der Flottenbasis Baltijsk und damit auch des einzigen See-Zugangs in das Frische Haff dürfte die Yachtbranche kaum anlocken.
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Noch eine Klippe: Der Grenzverlauf übers Wasser
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Zumal Baltijsk nicht das einzige Problem ist: „Ein großes Hindernis für den Wassertourismus sind leider die Seegrenzen im Frischen und im Kurischen Haff“, sagt Silvia Gurowa, in der Gebietsregierung zuständig für internationale Angelegenheiten.
„Es gibt keine Verträge, die die Durchlässigkeit der Grenzen für die internationale Schifffahrt auf dem heute üblichen Standard regeln.“ Man bemühe sich intensiv um die Lösung dieser Fragen. „Die Grenze Russlands mit der EU ist aber ein sehr komplexes Problem, das nicht in der Zuständigkeit der Kaliningrader Gebietsregierung liegt.“
Zerschnittene Haffs blockieren Schiffslinien
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Auf dem Kurischen Haff schottet der fehlende Grenzvertrag mit Litauen den russischen Teil der Lagune völlig ab. Selbst wenn man die Haff-Häfen in Rybachi und Selenogradsk ausbaute – kein ausländisches Boot oder Ausflugsschiff käme derzeit dorthin.
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| Von See her so gut wie unzugänglich: Die Küste des Kaliningrader Gebietes (foto: jm/rufo) |
Auf dem militärisch sensiblen Frischen Haff gelten immer noch die restriktiven Regelungen aus dem Jahre 1961. Demnach dürfen nur polnische und russische Wasserfahrzeuge die Grenze queren, und auch das nur mit erheblichen Einschänkungen.
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Inzwischen hat sich der diplomatische Zoff um die Haffgrenze derart verschärft, dass der Schweizer Unternehmer Hans Kaufmann von einer regelrechten „Schiffsblockade“ spricht. Kaufmann versucht seit längerem, eine Schiffslinie auf dem Haff zwischen Russland und Polen aufzubauen: vergeblich. Auch die „Raketa“-Tragflächenboote, die viele Jahre mit Tagestouristen von Elblag aus mit Tagestouristen nach Kaliningrad rauschten, fahren nicht mehr – die beliebten Fahrten geriet immer wieder in das Gezerre um das Grenzregime und soffen mit dem EU-Beitritt Polens gänzlich ab.
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Boos will an den Booten verdienen
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| Yachthafen in Kaliningrad: Bislang für Ausländer unzugänglich (Foto: tp/rufo) | |
Gouverneur Boos schrieb schon mehrere Briefe nach Moskau, um auf Regierungsebene Bewegung in diese Fragen zu bringen. Dem resoluten Gebietschef ist nicht entgangen, wie eifrig in Polen und Litauen Yachthäfen und Passagier-Piers ausgebaut werden. Skandinavische und deutsche Segler, internationale Charterfirmen, zunehmend aber auch große Kreuzfahrtschiffe haben das Baltikum entdeckt und bringen mit ihren zahlungskräftigen Fahrgästen Jahr für Jahr viele Millionen Euro ins Land.
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Im Prinzip ein Segelrevier mit großen Möglichkeiten
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Auch an der russischen Bernsteinküste könnte der Rubel rollen. „Kaliningrad hätte für Wassersport wirklich ein großes Potenzial“, bestätigt Sergej Shadobko. Als aktiver Hochseesegler und Regatta-Crack hat er unzählige Seemeilen an den Küsten vieler europäischer Ländern unterm Kiel und kennt die Szene als Insider.
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Kein Wunder, dass er an allen Kaliningrader Yachthafen-Projekten mitarbeitete – und noch weitere empfiehlt: „Auf der Frischen Nehrung gibt es einen alten Militärhafen für Wasserflugzeuge. Heute steht dort alles leer. Eine riesige Anlage, geschützt und nah an der Küste. Das wäre ein idealer Platz für den modernsten Yachthafen weit und breit.“
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| Seltenes Bild: Ein Segelboot läuft in den Hafen von Pionerski ein (Foto: tp/rufo) |
Wäre, würde, könnte – einstweilen driftet die Planung des Kaliningrader Ostsee-Tourismus im Flautenreich des Konjunktivs. Die Abschottung, ob militärisch oder als geschlossene Seegrenze, verträgt sich nicht mit der Brise der Freiheit, die die Seglerbranche vorantreibt.
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Das weiß auch Shadobko. Darum passt er am Funk auf, dass ausländische Segler und Motoryachten nicht in Schwierigkeiten geraten, schaltet sich notfalls ein, nimmt Kontakt auf und hilft auch vorab in Visa-Angelegenheiten.
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Manche Skipper kennen trotzdem keine Skrupel
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Und er schützt manchen wackeren West-Bootsmann auch schon mal vor eigentlich verdienter Strafe: Als am 12. Juni, ausgerechnet am russischen Nationalfeiertag, ein deutscher Segler wie ein Geisterschiff ohne die international vorgeschriebene Funkanmeldung in Kaliningrader Hoheitsgewässer hineinkreuzte und in aller Seelenruhe in Pionerski anlegte, standen kurz darauf die Grenzer am Steg.
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Es gab mächtig Ärger, doch Shadobko handelte die fällige Strafe herunter und verhinderte Schlimmeres. Denn der unerwartete Gast hatte nicht mal einen Eigentumsnachweis für sein Boot dabei. Anmelden konnte er sich bei der Küstenwache auch nicht. Denn ein Funkgerät war gar erst nicht an Bord.
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(Thoralf Plath /.rufo)
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