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Kann den Strombedarf im Gebiet Kaliningrad schon jetzt nicht allein decken: das moderne Gaskraftwerk TEZ2 (Foto: Plath/.rufo)
Kann den Strombedarf im Gebiet Kaliningrad schon jetzt nicht allein decken: das moderne Gaskraftwerk TEZ2 (Foto: Plath/.rufo)
Mittwoch, 27.08.2008

Kaliningrad: Atomkraftwerk contra Energie-Defizit?

Kaliningrad. Die Pläne für ein Kernkraftwerk im Gebiet Kaliningrad nehmen Gestalt an. Denn in Russlands aufstrebender Ostsee-Exklave wird die Energie knapp. Der Atommeiler bleibt hochumstritten – selbst unter Fachleuten.

Spätestens 2015 soll mit dem Bau eines Kernkraftwerks in der russischen Exklave Kaliningrad begonnen werden. Entstehen wird es bei Neman (Ragnit), 120 Kilometer nordöstlich der Gebietshauptstadt nahe der litauischen Grenze. Geplant ist laut einer Vereinbarung zwischen der Gebietsregierung und der staatlichen Atombehörde „RosAtom“eine Kapazität von 2,3 Gigawatt, der erste Block soll bereits 2017 ans Netz gehen.

Gesamtbaukosten: umgerechnet fünf Milliarden Euro. Finanzierung: 51 Prozent Russland, 49 Prozent ausländische Investoren. Die ersten Ausschreibungen für die Planung und Projektierung des Kraftwerks laufen bereits.

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Nur ein eigener Stromproduzent


Der Atommeiler soll eine drohende Energiekrise abwenden und die vom russischen Mutterland abgetrennte Ostsee-Provinz für die nächsten 15 bis 20 Jahre stabil und unabhängig mit Strom versorgen – dies tragen die Befürworter des Projekts als Hauptargument vor sich her.

In der Tat belegen aktuelle Daten, dass die eigene Energieproduktion mit der in Fahrt kommenden Wirtschaft im Kaliningrader Gebiet schon jetzt nicht mehr Schritt halten kann. Derzeit gibt es in der Exklave nur einen nennenswerten Großlieferanten von Strom: das gasbefeuerte Heizkraftwerk TEZ-2. Mit einer Leistung von derzeit 450 Megawatt ist der 2005 in Betrieb genommene Komplex nicht annähernd in der Lage, den Energiehunger von Wirtschaft und Kommunen zu stillen.

Weitere Informationen im Internet
www.energieforum.ru
Den produzierten 2,76 Milliarden Kilowattstunden (kWh) stand 2007 ein tatsächlicher Verbrauch von 3,89 Milliarden Kilowattstunden gegenüber. Anders gesagt: Gerade einmal rund 65 Prozent der im Gebiet Kaliningrad verbrauchten Energiemenge kommen aus eigener Leistung. Und die Schere beginnt sich gerade erst zu öffnen. Die Wirtschaft wächst rasant.

Kein Gas, kein Strom


Zwar wird an einem zweiten Block des Gaskraftwerks am Kaliningrader Stadtrand mit Hochdruck gebaut – die Kapazität von TEZ-2 wird sich damit voraussichtlich ab 2010 verdoppeln. Hinter dieser Erweiterung stehen freilich noch gewichtige Fragezeichen. Denn um mehr Dampf auf die Turbinen zu bekommen, braucht TEZ 2 mehr Gas. Und wie das aus dem russischen Kernland in die Königsberg-Exklave geschafft werden soll, kann so recht keiner sagen.

Gazprom (Gasprom) verweigert eine verbindliche Zusage, ein eigener Abzweig aus der geplanten Ostsee-Pipeline ist wohl endgültig vom Tisch, und eine zusätzliche Erdgasröhre im Transit quer durch Litauen ist sehr von der politischen Großwetterlage zwischen Moskau und Vilnius abhängig – bekanntlich neigt die derzeit eher zu Gewittern als zu sonnigen Tagen.

Die energetischen Zukunfts-Aussichten für das Kaliningrader Gebiet sind vor diesem Hintergrund in der Tat nicht rosig. Die Versorgungslücke im Stromnetz der Provinz schließt bislang das litauische Atomkraftwerk (AKW) Ignalina. Doch dessen letzter Block geht 2009 vom Netz – die veralteten RBMK-1.500-Reaktoren vom Katastrophen-Typ Tschernobyl abzuschalten, war eine der Bedingungen für den EU-Beitritt der baltischen Republik.

In Kaliningrad droht mit dem Aus von Ignalina nun eben jene Stromkrise, die die Kernkraft-Befürworter als Generalargument für ihr Atom-Projekt hochheizen: „Unsere Region entwickelt sich so schnell, dass in der Energieversorgung nach dem Schließen von Ignalina ein Engpass droht. Wenn wir aber über ein eigenes Kernkraftwerk verfügen, ist unsere Energiesicherheit definitiv gewährleistet und wird dieses Gebiet frei von äußeren Interessen agieren lassen. Wir brauchen diese radikale Lösung“, sagt etwa Michail Zikel. Kein Wunder, dass der Mann so redet. Zikel ist Generaldirektor des regionalen Energieversorgers „JantarEnergo“, einem der potenziellen Profiteure eines AKW.

Warnungen und Panikmache


Doch auch Kaliningrader Medien trommeln fleißig für den Reaktorbau. Da wird, wohl auch im Interesse von finanzkräftigen Souffleuren, schon mal Panik verbreitet: „Uns werden über 40 Prozent des Energiebedarfs fehlen“, warnte jüngst die Zeitung Kaliningradskaja Prawda. „Das heißt, dass wir täglich nur noch einige Stunden den Fernseher einschalten können und auf Kühlschränke vielleicht bald ganz verzichten müssen. Außerdem werden viele große Industriebetriebe stillgelegt werden müssen.“

Kaliningrader Rathaus bei Nacht: Russlands Exklave bald in Notbeleuchtung? (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrader Rathaus bei Nacht: Russlands Exklave bald in Notbeleuchtung? (Foto: Plath/.rufo)
So ein Unsinn erschreckt zwar auch in Kaliningrad nur noch Leute, die den Großen Vaterländischen Krieg (russische Bezeichnung für den Zweiten Weltkrieg, die Redaktion) miterlebt haben, doch das drohende Energiedifizit ist ein reales Problem – und eines der ernsten potenziellen Hindernisse für Investitionen und die gerade in Fahrt kommende Entwicklung der Sonderwirtschaftszone.

Zumal die Nachbarrepublik Litauen nach der Abschaltung von Ignalina auf das westeuropäische Stromnetz umsteigt – und das ist mit dem russischen System nicht so ohne weiteres kompatibel, wie Fachleute betonen. Das heißt: Praktisch wäre das schon hinzubekommen, die Technik ist längst soweit. Nur der politische Wille noch nicht.

Alternative Energien lösen Kaliningrads Strom-Problem kurzfristig auch nicht wirklich. Zwar steht an der Küste unweit von Selenogradsk (Cranz) der bislang „größte“ Windpark Russlands (es ist eigentlich der einzige) – und eine Studie führt 36 weitere Eignungsflächen für Windkraftanlagen auf, im küstennahen Binnenland sowie offshore. Doch die einschlägigen Ökostrom-Diskussionen in Westeuropa zeigen: Die Grundlast im Netz können diese alternativen Energiekonzepte bisher nur in ganz wenigen Fällen absichern.

Gouverneur Georgi Boos sieht vor allem den wirtschaftlichen Vorteil des geplanten Kernkraftwerks. Ökologische Bedenken äußert er keine (Foto: Plath/.rufo)
Gouverneur Georgi Boos sieht vor allem den wirtschaftlichen Vorteil des geplanten Kernkraftwerks. Ökologische Bedenken äußert er keine (Foto: Plath/.rufo)

Gouverneur sieht rosa statt grün


Gouverneur Georgi Boos ist sicher vieles, doch ein Grüner ist er nicht. So wundert es kaum, dass auch er zu den Befürwortern des AKW-Projekts zählt. Das Gebiet würde davon nur profitieren, meint er: „Nicht nur, dass es ausreichend und unabhängig mit preiswertem Strom versorgt werden könnte. Ein weitere Vorteil wäre, dass wir dadurch einen neuen und zahlungskräftigen Steuerzahler hätten.“

Ökologische Bedenken hat der Gebietschef keine. Er freut sich lieber über die voraussichtlich 2.500 Menschen, die in dem Kraftwerk „einen gutbezahlten Job“ bekommen – und darüber, dass zusammen mit dem AKW eine eigene Stadt mit rund 30.000 Einwohnern geplant ist. „Fachleute für die neuen Arbeitsstellen können an unseren Hochschulen und Universitäten ausgebildet werden.“

Hauptziel Stromexport?


Doch das Projekt hat nicht nur binnenökonomische Ziele. Ein Atomkraftwerk im Kaliningrader Gebiet, das avanciert mit Blick der Strategen des staatlichen russischen Energiekonzerns RosAtom vor allem zu einer geopolitischen Angelegenheit: Ein großer, wenn nicht gar der größte Teil des hier produzierten Stroms ist für den Export bestimmt. Genauer: Der Meiler kann, soll er seine Kosten wieder einspielen, eigentlich erst unter dieser Voraussetzung gebaut werden.

„Das Kaliningrader Atomkraftwerk macht nur dann Sinn, wenn es eine verbindliche Vereinbarung über den Verkauf von Strom nach Europa gibt“, formuliert es die Moskauer Wirtschaftsexpertin Natalja Porochowa, spezialisiert auf die Untersuchung von Monopolisierungsprozessen in der Strombranche. „Ein Atomkraftwerk arbeitet in Dauerlast. Nach den Projektparametern wird das Kaliningrader Kraftwerk jährlich 15 Milliarden Kilowattstunden produzieren. Die Wirtschaft des Gebiets ist auch perspektivisch nicht in der Lage, so eine Energiemenge zu verbrauchen. Das bedeutet, ohne die Exportaussicht kann man dieses Kraftwerk gar nicht bauen.“

Zusammen mit der Produktion des Gaskraftwerkes TEZ-2 könnte die Exklave nach dieser Rechnung jährlich bis zu 13 Milliarden Kilowattstunden Strom verkaufen – das entspricht dem derzeitigen Verbrauch von Litauen und Lettland zusammen.

Dies scheint denn auch die eigentliche Intention zu sein, die mit dem Bau des AKW in der Ostsee-Exklave Kaliningrad verfolgt wird – wohl kaum zufällig hat man den Standort so nah in die litauische Grenze gelegt. Auch RosAtom stellt den geopolitische Aspekt dieses Projekts bezeichnenderweise über den wirtschaftlichen – und das, obwohl ein Kernkraftwerk im Gebiet Kaliningrad bis vor kurzem in keinem einzigen der aktuellen russischen Programme zur friedlichen Nutzung von Atomenergie genannt wurde.

Geht 2009 endgültig vom Netz: das litauische Atomkraftwerk Ignalina.  (Foto: Plath/.rufo)
Geht 2009 endgültig vom Netz: das litauische Atomkraftwerk Ignalina. (Foto: Plath/.rufo)

Baltikum vor Energiedefizit


Die Sterne für den Verkauf von Atomstrom in die Nachbarländer stehen günstig. Ignalina geht vom Netz. Zwar will Litauen, zusammen mit Lettland und Estland, ein neues Kernkraftwerk bauen. „Ignalina-2“ aber dürfte frühestens 2020 fertig sein, das in Weißrussland geplante AKW wahrscheinlich noch später. Auch Polen erwägt die Nutzung von Atomstrom, das Thema ist allerdings noch in der Diskussion.

Schweden hat den Atomausstieg gesetzlich festgeschrieben. Das einzige Ostseeland, das derzeit aktiv an einem Reaktor baut, ist Finnland. Das aufstrebende Baltikum, von Wachstum und einer hochdynamischen Wirtschaft geprägt, steuert nach Meinung vieler Experten schon mittelfristig auf ein ernsthaftes Energieproblem zu.

Ekosaschtschita: Sind wir Versuchskaninchen?


Doch es gibt auch schwere Bedenken. Selbst unter Fachleuten gehen die Meinungen zum geplanten Atomkraftwerk auseinander. Und in der Bevölkerung wächst der Widerstand.

„Die Mehrheit der Einwohner des Gebiets ist klar gegen ein Atomkraftwerk.“ So formuliert es die regionale Umweltschutzbewegung Ekosaschtschita, auf die Erfahrungen aus der Tschernobyl-Katastrophe verweisend und darauf, dass die Frage des Atommülls gänzlich ungeklärt ist. „Mit der Behauptung seitens der Behörden, es sei bezüglich des Atomkraftwerks schon alles auf Staatsebene geklärt, will man die Bevölkerung bewußt irreführen.“ Ekosaschtschita fordert, die Entscheidung über den Bau des Meilers ausschließlich auf Grundlage eines Referendums zu treffen. Einer Umfrage zufolge seien 67 Prozent der Einwohner des Gebiets gegen das Atomkraftwerk.

Zweites Contra von Ekosaschtschita: der geplante Reaktortyp. Laut RosAtom sollen im Kaliningrader Gebiet modifizierte Druckwasserreaktoren vom Typ WWER verwendet werden – ähnlich wie im bulgarischen AKW Belene. Diesen Reaktor habe bislang noch niemand im praktischen Einsatz erprobt, kontern die Ökologen: „Sind wir die Versuchskaninchen unserer Atomindustrie?“

Das schwerwiegendste Argument der Atomkraftgegner ist und bleibt der radioaktive Abfall. Das Kernkraftwerk werde zum Versuch verleiten, das Kaliningrader Gebiet in eine Atommüllkippe zu verwandeln, warnen die Umwelt-Aktivisten. „Wir fordern einen realistischen und detaillierten Plan einer zuverlässigen Atommüllentsorgung.“

Russland beherberge schon heute mehr als 20.000 Tonnen plutoniumhaltiger und hochverstrahlter Abfälle. „Darum muss verhindert werden, dass auf dem Gelände des Kraftwerks auch noch ein provisorisches Atommülllager gebaut wird.“ Diese Befürchtung hat einen durchaus realen Hintergrund. Denn der Transport radioaktiver Abfälle ins russische Kernland dürfte zu einem internationalen Streitthema werden – und von Litauen ist kaum zu erwarten, dass es dem Transit zustimmt.

Auch Experten bleiben skeptisch


Fachleute äußern noch andere Einwände: „Es ist unverständlich, warum ein so großes Kernkraftwerk überwiegend für den Export von Energie gebaut wird“, kritisiert Natalja Porochowa. „Die Ressourcen sind begrenzt, doch wir stärken die Wirtschaft im Ausland, anstatt wachsende Energiedefizite innerhalb Russlands zu decken.“ Für den Bau des AKW müssten alle Bauteile erst aufwändig in die Exklave transportiert werden, auch der Bau einer neuen Stadt für die Atomwerker verschlinge gewaltige Kosten. „Man sollte fünf Milliarden Euro effektiver im Inneren Russlands anlegen, in der Nähe der großen Wirtschaftszentren.“

Auch eine weiteres Problem hängt am Bau eines Atomnkraftwerks: die Zukunft des gerade erst für mehrere hundert Millionen Euro gebauten TEZ-2. Auf dem Energiemarkt konkurrieren kann es nach dem derzeitigen Preisgefüge mit einem AKW kaum:

Die Selbstkosten von Atomstrom sind zwei bis dreimal niedriger als bei Erdgas. Abschalten lässt sich TEZ-2 aber auch nicht so einfach. Die Heizungen von 400.000 Kaliningradern hängen an dem Kraftwerk.

(thoralf plath/.rufo/kaliningrad)


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