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| Stadt hinterm eisernen Vorhang: Kirche von Bagrationowsk (Foto: Plath/.rufo) | |
Dienstag, 28.08.2007
Deutsche Archäologen im „Grenzsperrgebiet“ erwischt
Kaliningrad. Die neuen verschärften Grenzsperrzonen im Kaliningrader Gebiet gelten auch in den Städten mit offiziellem Grenzübergang. Das bekam in dieser Woche eine Gruppe deutscher Wissenschaftler zu spüren.
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Für die jungen Archäologen der Uni Kiel ist das Kaliningrader Gebiet kein Neuland mehr. Seit drei Jahren forschen sie zusammen mit russischen Kollegen auf den Spuren der verschollenen Wikingerstadt Wiskiauten nahe der Kurischen Nehrung.
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Die diesjährige Grabungskampagne ging gerade zu Ende, zum Abschluss wollten die Wissenschaftler noch einmal die Grenzstadt Bargrationowsk besuchen – das einstige Preußisch Eylau ist mit seiner Burgruine und der prächtigen russisch-orthodoxen Kirche ein historisch interessanter und sehenswerter Ort.
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Vor der Kirche von Soldaten angehalten
Doch mitten in der 15.000-Einwohner-Stadt wurde die Gruppe plötzlich von einer Grenzschutzstreife angehalten und nach den Passierscheinen gefragt. Die hatte keiner der Deutschen. Das bedeutete Ärger.
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Verstöße gegen die Sperrgebietsbestimmungen können hart bestraft werden. Geldbußen sind noch das Geringste, bei Ausländern droht gar die Ausweisung. „Wir wollten nur die Kirche besichtigen“, sagt Grabungsleiter Timo Ibsen, „das ist doch ein öffentlicher Ort. Wird in jedem guten Reiseführer angepriesen. Außerdem hatten wir uns darauf verlassen, dass die Stadt Bagrationowsk einen offiziellen Grenzübergang hat, und da benötigt man angeblich keinen Propusk (Passierschein – d.R.).“
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Nur Straße zum Checkpoint frei
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Damit versuchen auch die örtlichen Tourismusfirmen, vom verschärften Sperrgebietsregime ohnehin heftig frustriert, seit Monaten ihre Gäste zu beruhigen: Alles halb so schlimm, in den Grenzübergangs-Städten wie Sowjetsk (Tilsit), Mamonowo (Heiligenbeil) oder Bagrationowsk sei so ein Schein nicht nötig.
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Stimmt nicht, heißt es seitens der Kaliningrader Grenzschutzbehörde. Nur die direkten Straßen zum Checkpoint seien von der Sperrgebietsregelung ausgenommen, für alles andere rechts und links des Weges brauche man einen Passierschein.
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So bekamen es auch die Archäologen in Bagrationowsk zu hören.Über Sinn und Unsinn des Ganzen ist vom Inlandsgeheimdienst FSB, dem der Grenzschutz untersteht, kein Kommentar zu erhalten – und wohl auch kaum zu erwarten. Doch ernstzunehmen ist die neue Scheinpflicht offensichtlich.
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Selbst Anwohner nun scheinpflichtig
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Sie gilt nicht nur für Touristen. Auch Bewohner des Gebietes müssen seit neuestem einen solchen Zettel vorweisen können, wenn sie sich der Staatsgrenze der kleinen russischen Exklave, in der das Ausland nirgends weit weg ist, mehr als sieben Kilometer nähern. Selbst Anwohner sind davon betroffen, wie das Beispiel Rominter Heide zeigt.
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In diesem Urwaldmassiv an der russisch-polnischen Grenze müssen sogar die Förster einen Passierschein bei sich tragen – obwohl sie sich mit den alteingesessenen Grenzern zum Teil seit Jahren persönlich kennen. Viele Waldleute führen nebenberuflich gern Touristen durch die unwegsame Wildnis, in der man sich ohne Ortskenntnis hoffnungslos verlaufen würde.
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Kaiser Wilhelms Jagdschloss nicht mehr zu besichtigen
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Beliebtes Ziel ist die Ruine des Jagdschlosses von Kaiser Wilhelm II. Doch der legendäre Ort liegt fast unmittelbar am Grenzzaun. Ohne Passierschein dorthin zu kommen ist unmöglich – und seit das verschärfte Sperrgebietsregime gilt, ist es selbst den einheimischen Förstern zu heiß, Besucher dorthin zu führen.
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„Alle reden vom Ökotourismus, und wir hätten hier beste Bedingungen, auf der polnischen Seite der Rominter Heide funktioniert das doch schon gut, aber so werden wir damit nie in Gang kommen“, schimpft einer der Forstleute. Der neue russische Grenzpropusk-Wahn hat den Bewohnern des berühmtesten Waldgebietes Ostpreußens eine wichtige Einnahmequelle abgegraben.
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Zweisprachige Warnschilder
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Viele Grenzschützer sind von den verschärften Sperrgebietsregeln selbst nicht begeistert. Von ausgeweiteten Kontrollen ist innerhalb der Grenzone nichts zu spüren. Allerdings zeigen inzwischen auf allen großen Straßen neue blaue Warnschilder auf russisch und englisch an, dass man sich innerhalb des Sperrstreifens befindet. Sich darauf zu verlassen, nicht kontrolliert zu werden, ist riskant.
Im Fall der deutschen Archäologen in Bagrationowsk ging alles gut aus. Ein von der Grenzpatrouille angeforderter FSB-Offizier hörte sich an, was die Deutschen in der Stadt wollten – und ließ sie dann laufen.
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„Der Mann war höflich und korrekt, wir sollten zwar erst eine Strafe zahlen, aber als wir uns weigerten, hat er auch davon abgesehen“, sagt Ibsen. Allerdings wurden ihre Personalien registriert. Und die Gruppe wurde unmissverständlich aufgefordert, die Stadt und das Grenzgebiet auf kürzestem Wege zu verlassen. Den Tourismus im Kaliningrader Gebiet fördert man so gewiss nicht.
(Thoralf Plath/tp/.rufo)
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