Da staunt die Delegation: Bauernhof fast a la Niedersachsen kurz vor dem Ende der Welt (Foto: Plath/.rufo)
Dienstag, 16.06.2009
Bauernhof a la Niedersachsen hilft gegen Krise
Kaliningrad. Der Hof des ausgewanderten Niedersachsen liegt kurz vor dem Ende der Welt. Nicht zu vergleichen mit dem modernistischen High-Tech-Turbostall, eher ein Gegenentwurf dazu – ein bäuerlicher Hof, im Dorf verwurzelt.
Für den allgegenwärtigen, allmächtigen russischen Staat und seine Verwalter hat Tassilo von der Deecken kein gutes Wort übrig.
Vor allem nicht für die kontrollwütigen Landwirtschaftsbürokraten, „denen wir dreimal die Woche schriftlich melden müssen, wie viel Dünger wir auf den Acker gebracht haben, was unsere Kühe an Futter verbrauchen und wieviele Gummistiefel wir haben“, wie er es launig ausdrückt, während seine Frau Valentina den Kollegen aus Deutschland Gebäck und Tee serviert.
Trotzdem entsteht nicht der Eindruck, dass den beiden ihr Pionierjob über wäre. Im Gegenteil: Valentina und Tassilo von der Deecken fühlen sich anerkannt im Dorf, geachtet.
Gutsbesitzer? Das Wort würden sie wohl nicht gern hören. Tassilo, der fließend russisch spricht und es längst auch denken und fühlen gelernt hat, spricht lieber von sozialer Verantwortung: „Wenn mein Nachbar Hunger hat und keine Arbeit, ist das auch für uns nicht gut. Weil dann nämlich jeden Morgen irgendwas fehlt auf dem Hof. Also hab ich zwei Möglichkeiten: Ich stell mir ein paar Wächter zusätzlich an, oder gleich den Nachbarn selbst.“
Wie kommt ein niedersächsischer Bauer nach Kaliningrad?
Tassilo von der Deecken, 51, gebürtiger Niedersachse, kam der 1994 als Entwicklungshelfer im Auftrag der GTZ nach Kaliningrad. Baute den Agrarverbund „Baltfer“ auf und begann seit 1999 mit seiner russischen Frau Valentina als selbständiger Bauer einen 2000-Hektar-Hof im Osten des Gebietes zu bewirtschaften.
Er hat viele Nachbarn eingestellt, der Hof beschäftigt 32 Mitarbeiter. Es gibt klare Grenzen: „Alkohol und Klauen sind tabu.“ Von der Decken kann ziemlich streng werden. Auch junge Leute aus dem Dorf beschäftigt er, in den Ferien, zum Praktikum. „Damit die Jungs lernen, was Landarbeit ist. Und vielleicht nicht alle nach Kaliningrad abhauen. Es können nicht alle Juristen werden.“
Die Landflucht ist auch in Russlands westlichster Provinz dramatisch. Wer jung ist und etwas werden will, geht in die Stadt, wo man ein Vielfaches verdient vom dem, was im Dorf möglich ist. Das statistische Durchschnittsgehalt liegt derzeit bei 490 Euro. Auf dem Land sind es gerade knapp 200 Euro.
Landwirtschaft im Umbruch
Russland ist ein Land im Umbruch, die Landwirtschaft ist es nicht minder. Der Umbruch hat viele Facetten, sie spielen im Stillen ab, jenseits des Wirtschaftsbooms der Metropolen.
Es sind auch nicht so sehr Vorzeigeobjekte wie der Superstall des Ministers, die die Landwirtschaft im neuen Russland prägen. Es sind bäuerliche Betriebe wie der von der Deckens. Ohne solche Anker brächen Stadt und Landkultur wohl vollends auseinander.
Als der Bus mit den Gästen aus Schleswig-Holstein den Hof in Kalininskoje wieder verlässt, macht sich drinnen nachdenkliche Stimmung breit. Mancher hatte sich, wenn auch im Spaß, schon Felder ausgeguckt während der Fahrt durch das Land, zu verlockend die Möglichkeiten. Davon ist jetzt keine Rede mehr.
Nachdenklich. Landwirtschaftsdelegation am Grab Immanuel Kants (Foto: Plath/.rufo)
Schleswig-Holstzein will mehr fachliche und wirtschaftliche Kontakte
Am Abschlussabend im Deutsch-Russischen Haus in Kaliningrad, die Tische biegen sich unter dem Büfett und das Bier Marke „Königsberg“ steht kalt, findet Ausschussvorsitzender Klaus Klinckhamer gegenüber seinen russischen Gastgebern dennoch nur freundliche Worte.
Man habe viele hochinteressante und beeindruckende Einblicke in die Landwirtschaft der Kaliningradskaja Oblast erhalten. „Und ich bin mir sicher, dass sich aus unserem Besuch weitere fachliche und wirtschaftliche Kontakte bei der Ausbildung und in anderen Bereichen ergeben werden.“
Während die Offiziellen ihre Reden halten, sitzt Wladimir Reiter hundert Kilometer weiter östlich immer noch auf dem Trecker. Der junge Landwirt, der einen Teil seiner Ausbildung in Deutschland absolviert hat, aber immer nur daran dachte, sein Wissen in seiner russischen Heimat anzuwenden, er hat die Gäste aus Kiel wohl am meisten beeindruckt.
Wladimir Reiter will es als Landwirt zu etwas bringen, und er ist mit seinem Wissen und Ehrgeiz auf bestem Wege dazu in einer Landschaft, die einmal von Bauern geprägt wurde - in der aber heute nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Kolchoswirtschaft immer noch drei Viertel der Ackerfläche brach liegen.
„Noch mehr von solchen Jungs wie Wladimir“, meint Bauernpräsident Werner Schwarz, „und aus der Landwirtschaft im Kaliningrader Gebiet wird wieder etwas werden.“
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Der sibirische Frost hat auch Kaliningrad fest im Griff: Der Meteorologische Dienst sagt für das Wochenende Temperaturen von bis zu -30 Grad voraus. Im Ostseebad Selenogradsk ist man dann bereits nah am historischen Kälterekord: Am 25. Januar 1942 waren hier minus 33,1 Grad gemessen worden. ( Topfoto: Plath/.rufo)