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So sieht das Modell für das Atomkraftwerk in Kaliningrad aus (Foto: Plath/.rufo)
So sieht das Modell für das Atomkraftwerk in Kaliningrad aus (Foto: Plath/.rufo)
Montag, 18.01.2010

AKW Kaliningrad: Strahlende Aussichten für Lunino

Kaliningrad. Lange ist über das Wohl und Wehe eines Atomkraftwerkes im Gebiet Kaliningrad gestritten worden. Nun steht der Baustart an. Und viele versprechen sich von dem Projekt „BAES“ offenbar nur Gutes.

Das Jahr hat kaum begonnen, da steht Kaliningrad ein neues „Exklaven-Problem“ ins Haus. Nachbar Weißrussland droht mit einer Energieblockade. Um das 5,5-fache will Minsk die Transitgebühren für die Stromdurchleitung vom russischen Kernland nach Kaliningrad anheben, ansonsten: Aus die Maus.

Atomkraft-Befürworter fühlen sich bestätigt


Die zähen Verhandlungen zwischen den Emissären des russischen Stromkonzerns Inter RAO EES und des weißrussischen Partners Belenergo werden letztlich auf einen Kompromiss hinauslaufen, doch einen Effekt hat die drohende Stromkrise bereits:

Wer immer bislang den Bau eines eigenen Atomkraftwerks im Gebiet Kaliningrad befürwortete zur Sicherung der Stromversorgung in der vom Mutterland abgetrennten Provinz, dürfte sich nun voll und ganz bestätigt fühlen. Um Kaliningrads Atomkraftgegner ist es still geworden in den eisigen ersten Wintertagen des neuen Jahrzehnts.

Noch im Januar soll Auftragnehmer feststehen


Im äußersten Nordosten des Gebietes, wo die Landschaften weit und Ortschaften selten werden, laufen unterdessen die Vorbereitungen für den Bau des 2,23-Gigawatt-Meilers, Projektname BAES. Noch im Januar will die staatliche Fachbehörde RosAtom den Generalauftragnehmer auswählen, das Ausschreibungsverfahren endet offiziell am 24. Januar.

Mehrere westliche Energiekonzerne haben ihre Angebote abgegeben: Das Kaliningrader BAES gilt als das erste AKW Russlands, an dem sich private Investoren beteiligen dürfen – bis zu einem Anteil von 49 Prozent. Die Gesamtinvestionssumme beziffert Rosatom mit 134 Milliarden Rubel (3,7 Milliarden Euro).

Bei Russland-Aktuell
• Kaliningrad: Erst kam Medwedew, nun Putin ante portas (22.10.2009)
• AKW Kaliningrad: Gegner wie Investoren machen mobil (06.10.2009)
• Kaliningrad: Litauen beteiligt an Atomkraft-Projekt? (08.09.2009)
• Neues Atomkraftwerk bei Kaliningrad mit Siemens-Hilfe (22.06.2009)
• Siemens: Einstieg in Kaliningrader AKW-Projekt? (19.02.2009)
Aus dem Boden gestampft soll das Kraftwerk nahe der Siedlung Lunino. Das Dorf, zu deutscher Zeit Hohensalzburg geheißen, liegt etwa 15 Kilometer südöstlich der Kreisstadt Neman (Ragnit). Geplanter Baubeginn: Juli 2010.

Schon Ende des Jahres werden auf der Baustelle 1.500 Menschen arbeiten, schätzt Alexander Rolbinow, Infrastrukturminister der Gebietsregierung. In Spitzenzeiten werden es nach seiner Rechnung bis zu 9.000 sein: „Allein der Bau des Kraftwerks ist eine riesige Unterstützung für die Wirtschaft in unserem Gebiet, für die Hersteller von Baumaterial ebenso wie für die bau- und Montagebranche.“

Neue Stadt für 30.000 Menschen


Leute wie Rolbinow sehen das BAES als reinen Segen für die Ostsee-Exklave – vor allem für die verarmten, strukturschwachen Landkreise im Nordosten der Provinz. Bei Lunino wird eine neue Stadt für gut und gern 30.000 Menschen wachsen, Quartier für die 2.500 Mitarbeiter des Kraftwerkes und ihre Familien.

Sie bringen Kaufkraft mit: Im Schnitt verdienen „Atomschiki“ in Russlands laut Statistik 40.000 Rubel im Monat, das sind rund 950 Euro und fast das Doppelte vom monatlichen Durchschnittslohn in der Gebietshauptstadt (21.000 Rubel). Ganz zu schweigen von dem, was Leute in den gebeutelten Landkreisen Neman und Sowjetsk verdienen, wenn sie denn überhaupt Arbeit haben.

Atomkraftgegner werden weniger in der Krise


Solche Argumente ziehen. Im Gebietsarbeitsamt lagen vorige Woche schon 352 Anträge auf Einstellung im AKW vor. Ökologische und Sicherheitsbedenken, wie sie die Kaliningrader Umweltschutzbewegung Ekosaschtschita (www.ecodefense.ru) vorbringt, sind in der Öffentlichkeit kaum noch zu hören.

Die Wirtschaftskrise hat tiefe Spuren hinterlassen in der Provinz – und die Aussicht auf einen gut bezahlten Job wiegt bei vielen mehr als die Angst vor Reaktorunfällen und verstrahltem Abfall.

„Sicherstes Atomkraftwerk der Welt“


Die Atomstrategen tun das Ihrige, solche Bedenken zu zerstreuen. Die modifizierte Variante der WWR-Druckwasserreaktoren, wie sie im BAES geplant sei, habe mit der alten Tschernobyl-Technologie nichts mehr gemein, sagte Sergej Bojarkin, Vizedirektor des Stromkonzerns Energoatom, im Herbst in einer öffentlichen Anhörung in Tilsit. „Wer etwas anderes behauptet, sagt bewusst die Unwahrheit und spekuliert mit der Angst.“

Reaktoren des gleichen Typs arbeiteten bereits störungsfrei im AKW „Leningradskaja-2“ bei St. Petersburg und in China. Sie seien auf eine Laufzeit von 50 Jahren ausgelegt. Das BAES werde zudem mit einem vierstufigen Sicherheitssystem modernster Generation ausgerüstet: „Bei einem Störfall werden die Reaktoren automatisch abgeschaltet.“

Chance auf Atomunfall bei „eins zu sieben Millionen“


Die Wahrscheinlichkeit einer Havarie liegt laut Bojarkin bei eins zu sieben Millionen. „Beide Reaktoren werden durch ein Containment aus zwei Meter dicken Stahlbetonmauern gesichert. Das BAES wird das sicherste Kernkraftwerk der Welt sein.“

Der erste 1150-Megawatt-Block des westlichsten Atommeilers Russlands soll 2014 fertigwerden, der zweite 2016 folgen, um das Gebiet Kaliningrad für die nächsten 20 Jahre unabhängig mit Energie versorgen, doch vor allem – Strom für den Export zu produzieren.

Strommangel in Litauen


Nach Litauen zum Beispiel. Die baltische Nachbarrepublik steckt in einer ernsten Energiekrise, nachdem der letzte Block des landeseigenen Kernkraftwerk Ignalina vertragsgemäß zum 31. Dezember 2009 abgeschaltet wurde:

Die RBMK-1500-Reaktoren vom Katastrophentyp Tschernobyl vom Netz zu nehmen, war eine Bedingung für die Aufnahme Litauens in die EU. Die Balten wollen nun in einem Gemeinschaftsprojekt mit Lettland und Polen ein neues AKW an altem Ort bauen, doch Ignalina 2 dürfte kaum vor 2020 betriebsbereit sein.

Exportschlager Atomstrom?


Darum ist das Atomkraftwerk in Russlands Ostsee-Provinz vor allem darauf ausgelegt, Strom gen „Westen“ zu verkaufen – nur unter diesen Bedingungen rechnet sich der Meiler nach Ansicht von Fachleuten überhaupt.

Das mit Gas betriebene Kraftwerk TEZ-2 in Kaliningrad kann perspektivisch 70 Prozent des Energiebedarfs decken. (Foto: Plath/.rufo)
Das mit Gas betriebene Kraftwerk TEZ-2 in Kaliningrad kann perspektivisch 70 Prozent des Energiebedarfs decken. (Foto: Plath/.rufo)
Bis zu 17,4 Milliarden Kilowattstunden werden die beiden Blöcke des Kraftwerks pro Jahr liefern. Das ist soviel wie der aktuelle Stromverbrauch Litauens und Lettlands zusammen. Selbst mit der perspektivischen Prognose eines weiteren Wirtschaftsaufschwungs wird Kaliningrad kaum mehr als ein Drittel davon abnehmen. Zumal das gasbefeuerte Großkraftwerk TEZ 2 nach Fertigstellung des zweiten 450-MW-Blocks in der Lage sein soll, 70 Prozent des Strombedarfs der Exklave zu decken.

AKW: Dicht an der Grenze, weit weg von Kaliningrad


Darum soll das Baltische Atomkraftwerk bei Lunino nicht nur als Baustelle ein Wirtschaftsfaktor, sondern anschließend ein Exportschlager für die aufstrebende Provinz an Russlands Westrand werden.

Die geografische Lage spricht für sich. Nur 20 Kilometer sind es bis zur litauischen Grenze, 130 bis in die Gebietshauptstadt Kaliningrad. Weiter entfernt von den eigenen Stromkunden konnte man einen Standort für das Kraftwerk eigentlich kaum finden.



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In der Straßenkinder-Betreuungsstätte Jablonka (Apfelbäumchen) bekommen diese Kaliningrader Kinder, was ihnen in ihren sozial zerrütteten Familie versagt blieb: ein warmes Zuhause, Fürsorge, geregelte Mahlzeiten. Mehrere hundert Kinder und Jugendliche leben in Kaliningrad auf der Straße - bei den derzeitigen Temperaturen der blanke Horror. (Topfoto: Plath/.rufo)


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